Slavoj Žižek. Listig wie ein Wiesel oder nur kokettierende Diva? © Wikipedia
Ohne den Völkermord an den Armeniern wäre die Welt in der Türkei um ein Thema ärmer. Rechtsextreme Grauwölfe und Linkskemalisten hätten ein Feindbild weniger, die Rolle des beleidigten Imperalismus-Opfers wäre wieder zu besetzen. Die humanistische Linke in der Türkei hätte nur Kurden und staatskritische Journalisten des Landes abzuarbeiten. Es gebe weniger Möglichkeiten, sich außerhalb der Türkei zu Großveranstaltungen wie vor einigen Tagen in Paris zu vereinigen, um die Größe der Nation zu präsentieren. Die neuste Erfindung türkischer IT-Spezialisten, das Computerspiel „Schlag-den-Sarkozy“, existierte nicht, etc. pp.
Jetzt bietet die Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich sogar Philosophen eine Bühne zur Selbstinszenierung.
Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek, ein politisch radikal-links einzustufender Philosophie-Talkmeister ist ebenso bekannt für seine wirre Ausdrucksweise wie umstritten wegen seiner Inhalte. Er hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht und es in den Spiegel und die FAZ geschafft.
Žižek verkündet meist, dass er es liebe, den falschen Sichtweisen zu ihrem Recht zu verhelfen, auch wenn eigentlich das Gegenteil als richtig gelte. Er liebe es, in dieser dem gesunden Menschenverstand widersprechenden, kontra-intuitiven, Art den Gedankengängen zu folgen, um zu untersuchen, ob diese Widersprüche vielleicht nicht doch auflösbar sind. Kritikern entgegnet er, dass die, die ihn attackieren, sein Denken selten durchdrungen hätten, denn er sei „listig wie ein Wiesel“.[1]
Zum Holocaust hat Žižek sich bereits mehr als nur einmal (dann könnte man ihn vielleicht noch mit den Worten Versehen oder Missverständnis verteidigen) wenig listig geäußert. Sein Antisemitismus ist eine Art offenes Geheimnis.
"Listiger Wiesel" und Antiimperialistische Masche
In seinem Werk über Gewalt (2008) tadelt er beispielsweise die Meinungsfreiheit in europäischen Ländern, da sie nicht weit genug gehe. Hierzu vergleicht er den Haftbefehl gegen David Irving (aufgrund der Leugnung der Existenz von Gaskammern in den nationalsozialistischen Lagern wurde 1989 in Wien ein Haftbefehl gegen Irving erlassen) mit der Fatwa gegen den dänischen Zeichner Kurt Westergaard. Auch wenn auf den ersten Blick zwei Äußerungen geahndet werden, so ist doch ein demokratisch legitimiertes Strafverfahren nicht gleichzusetzen mit der Aufforderung zur Selbstjustiz durch Ausübung von tödlicher Gewalt. Žižeks Statement, Irvings Leugnung sei lediglich der Ausdruck von Zweifel, spricht ebenso Bände, wie der Versuch Nationalsozialismus und Holocaust zu einem bloßen Manöver im Klassenkampf zu erklären.
Sein philosophisches Potpourri und die Radikalität seiner Theorien dienen allenfalls als Verkleidung für Sichtweisen, die Recht und Moral widersprechen. Es ist regelmäßig die gleiche Systematik in seiner Argumentation zu erkennen. Das moralisch nicht zu beanstandende, der gesellschaftliche Konsens, wird zunächst eingestanden, um Zustimmung zu erzeugen. Unverzüglich kommt jedoch die eigentliche Aussage, die dem ethischen Grundverständnis unserer westlichen Gesellschaften widerspricht.
Zwei aktuelle Beispiele aus der Hürriyet:
- Žižek über die sog. Kurdenfrage:[2]
Obwohl er grundsätzlich militärische Operationen gegen die Kurden ablehne, sympathisiere er mit der türkischen Position. ABER: Ihm gefalle, dass die Türkei den Kurden gegenüber eine radikale Gleichgültigkeit zeige und klar mache: Was ihr macht, kann ich auch. Es folgt ein Plädoyer für die osmanische Interpretation von Toleranz.
- Žižek zum Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern:[3]
Gefragt zu dem Verhältnis zwischen Juden und Moslems, gibt Žižek bekannt, dass er Ahmadinedschad zwar grundsätzlich hasse. ABER: Die Aufforderung Ahmadinedschads an die Europäer, selbst Israel Boden zur Verfügung zu stellen, anstatt es von den Palästinensern zu fordern, gerade weil Europäer die Juden einstmals umgebracht haben, erzeuge jedoch Sympathie bei ihm.
Aber zurück zu uns Armeniern.
Kurz nach der positiven Entscheidung des französischen Senats über die Strafbarkeit der Völkermordleugnung in Frankreich ist Žižek beruflich in der Türkei und gibt hier und da Interviews. Auch Cansu Çamlıbel von der türkischen Tageszeitung Hürriyet darf ihn interviewen.[4]
In seinen Antworten bekundet der streitbare Philosoph seine Sympathie nicht nur für die Türkei, sondern vor allem für das Osmanische Reich, dessen sehr weitreichende Toleranz den Untergang (leider) verursacht habe. Er befürworte einen Neo-Osmanismus für die Türkei, wenn dieser die verschiedenen Völker, insbesondere die Kurden und Armenier, wie einst umarme. Die Türkei solle bestrebt sein, ein solches Staatsmodell zu realisieren – eines, dass nicht auf der ethnischen Herkunft seiner Angehörigen basiere.
Dass die osmanische Auffassung von Toleranz vor allem in der gesellschaftlichen und finanziellen Diskriminierung bestand, scheint dem Denkautomaten, wie er einst von Philip Oehmke[5] bezeichnet wurde, entgangen zu sein. Nicht die Toleranz führte zum Untergang der Osmanen, sondern ihre imperialistische Kriegslust, die mit Kapitulationen und Zinsen teuer bezahlt wurde. Nicht die Minderheiten, als Empfänger dieser Toleranz, haben den Völkermord an den Osmanen begangen, sondern die Toleranten selbst haben mit ihrer Umarmung 1,5 Millionen Armenier erstickt.
Neo-Osmanisten im Vormarsch
Das osmanische Kalifat hatte über Jahrhunderte die Erweiterung des islamischen Reiches zum Ziel. Die unterschiedliche ethnische Herkunft der Eroberten mag die osmanischen Herrscher nicht in erster Linie gestört haben, so dass sie nach kriegerischer Eroberung keine nationalistische Vernichtung der Bevölkerung auf dem Balkan oder in Palästina verfolgten. Die Islamisierung hingegen war ihnen in den eroberten Gebieten durchaus ein besonderes Anliegen, als Gottesdienst ebenso wie zur eigenen Machtausdehnung. Die von den Osmanen durchgeführte Knabenlese. Mit dieser organisierten Form der Zwangsislamisierung wurden christliche, männliche Knaben zwischen 12 und 18 Jahren verschleppt, versklavt und islamisiert. Sie bereicherten das Militär und die Verwaltung und dienten dem Sultan in jeder Hinsicht.
Mit der positiven Hervorhebung der Abwesenheit nationalistischer Überzeugungen im Osmanenreich setzt sich Žižek jedoch nicht nur über osmanische Realitäten und den Nationalismus der Jungtürken, der zum Endes des Reiches in einem Völkermord gipfelte, hinweg. Er verleiht ihm einen Glanz und übergeht damit, dass der Mangel an nationalistischen Elementen ein Staatsmodell nicht automatisch mit der Note „zur Nachahmung geeignet“ auszeichnet. Die meist gewaltsame Aufdrängung eigener religiöser Wahrheiten disqualifiziert an dieser Stelle den (Neo-) Osmanismus für die Türkei ebenso wie für jeden anderen modernen Staat.
In Anspielung auf die Geschehnisse der letzten Tage in Frankreich wagt Žižek in seinem Gespräch mit Çamlıbel eine Analogie, die verzerrt und täuscht. Der Versuch einiger, die Zahl der Opfer des Holocaust gesetzlich festzulegen, sei ein Fiasko politischer Korrektheiten.
„Stellen sie sich vor, wenn ich sage, nicht fünf Millionen, sondern nur 4.900.000 Juden wurden niedergemetzelt, werde ich bestraft. … Solche Vorgehensweisen nähren wenn überhaupt nur den Nationalismus.“
Hier verhöhnt der Philosoph die hinter Anti-Rassismus-Gesetzen stehende Pietät vor den Opfern. Sein Beispiel ist nicht nur wirklichkeitsfremd. Holocaust-Leugner leugnen nicht „lediglich“ 100.000 Tötungen, sondern den Holocaust an sich. Aber auch bei dem Armenier-Genozid geht es nicht nur um einen scheinbar unerheblichen Unterschied in den Opferzahlen. Es geht nicht nur darum, dass die Türkei von „nur“ 300.000 – 500.000 Toten Armeniern ausgeht, sie rechnet mit einer entsprechenden Zahl Toten auf, relativiert damit die Geschehnisse, erklärt einen Genozid zum Gefecht unter Gleichstarken und spricht sich letzten Endes frei.
Die Ermahnung, solche Vorgehensweisen würden allenfalls nationalistische Vorbehalte bekräftigen, geht fehl. Nach dieser Theorie müsste am Ende das Opfer schuldig gesprochen werden, weil es den Täter allein durch die Erinnerung an die Vergangenheit zur Tat anstifte. Anti-Rassimus-Gesetze ahnden rassistische, menschenverachtende Bekundungen, sie verursachen sie nicht. Von einem gelehrten und weltbekannten Philosophen sollte man mehr erwarten dürfen als das Zurückgreifen auf andere Schwadroneure.
Leugnung in Hochform
Žižek empfiehlt der Türkei gleichwohl, sich für die schrecklichen Dinge zu entschuldigen.
Die von ihm empfohlene Entschuldigung ist jedoch nicht nur wertlos und bar jeder Aufrichtigkeit. Eine Entschuldigung ist erst annehmbar, wenn sie die moralische Verfehlung eingesteht, Reue und Scham ausdrückt sowie die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung erklärt. Žižek hingegen warnt gerade vor der Einnahme einer unterwürfigen Position. Er empfiehlt, im Gegenzug die Beschuldigung Europas. Viele europäische Staaten hätten bei der Gründung ihrer Nation ähnliche Massaker veranstaltet. Das Osmanische Reich habe in seinen letzten Jahren lediglich einen Modernisierungsprozess in Anlehnung an Europa angestoßen. Von solch einer Entschuldigung habe die Türkei nichts zu verlieren.
Dies ist nicht die Befürwortung einer Entschuldigung, sondern die ausdrückliche Rechtfertigung der Massenvernichtung einhergehend mit der Aufforderung zum Gegenangriff. Dies ist die ungehemmte Verharmlosung der Ereignisse. Dies ist Leugnung in Hochform.
Žižek empfiehlt jedoch nicht nur der Türkei die Leugnung. Nein, der listige Wiesel geht beschwingten Schrittes weiter. Das was den Armeniern angetan worden sei, sei nach seinem Gutdünken, keine groß angelegte, organisierte Planung mit dem Ziel einer ethnischen Säuberung; vielmehr seien dieses Geschehnisse als „little-planned, chaotic operation“ [6] einzustufen. Man müsse schließlich beachten, dass die Zeit um die Jahrhundertwende an sich eine besonders gewalttätige Zeit gewesen sei, in der einer den anderen in seiner Brutalität übertroffen habe.
Es gilt das soeben Gesagte. Dies ist Leugnung in Hochform. Dies ist nicht lediglich der Ausdruck eines Zweifels, sondern die Verharmlosung des Völkermordes zu etwas, was im Eifer der Gefechte irgendwie jeder getan habe.
Žižeks oft zu vernehmenden Umwege, er habe jenes eigentlich so und dieses anders gemeint, dürfen in diesem Zusammenhang kein Gehör finden. Wenn jemand seine Botschaft nicht klar und deutlich vermitteln kann, dann hat er diese eigentlich selbst nicht verstanden. Wenn jemand sich zutraut, die Tiefen und Höhen der Philosophie außerhalb des Fachpublikums via Entertainment zu präsentieren, so darf er sich nicht hinter der Kompliziertheit des Faches oder seiner eigenen Gedankengänge verstecken. Themen wie Holocaust und Genozid eignen sich nicht für philosophische Testversuche. Die radikale Zuspitzung seiner Theorien muss beim Thema Holocaust und Genozid, ihre Grenzen finden. Hier geht es um Menschenleben, die Opfer und ihre – noch immer – trauernden Nachkommen.
Hört man aufmerksam hin, sind seine Aussagen in diesem Bereich weder gerissen noch kompliziert. Man muss nur genau sein und das Gesagte, nicht aufgrund einer political correctness gegenüber dem Autor, unterschätzen oder beschönigen. Wer den Holocaust oder Armenier-Genozid leugnet bzw. in Frage stellt, disqualifiziert sich selbst als ernstzunehmender Gesprächspartner.
[1] http://www.perlentaucher.de/blog/147_haemmer_im_schwall%3A_slavoj_Žižekss_endloesung_der_geschichte
[2] Interview vom 27.12.2012, http://www.gazeteciler.com/roportaj/unlu-felsefeci-Žižek-hurriyete-konustu-46840h.html
[3] Interview vom 29.12.2012, http://www.hurriyet.com.tr/ekonomi/19798590.asp
[4] http://www.gazeteciler.com/roportaj/unlu-felsefeci-Žižek-hurriyete-konustu-46840h.html
[5] http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,704729,00.html
[6] http://www.hurriyetdailynews.com/Žižeks-west-also-guilty-for-armenian-genocide.aspx?pageID=238&nID=12419&NewsCatID=338





Glaubensbrüder und Leidensgenossen


Einsame Straße im Snagesur.
Der Rückzug ohne Lied.




