Der verwundete Engel von Hugo Simberg
Im Zusammenhang mit dem französischen Anti-Genozid-Leugnungsgesetz haben sich mir Dinge ins Bewusstsein aufgedrängt, die ich in zwei Frage-Komplexen zusammenfassen möchte: (a) Wodurch ist der destruktive Eifer eines Großteils der deutschen Öffentlichkeit motiviert, das französische Gesetz zu bekämpfen? (b) Wie können Armenier politisch mobilisiert werden?
Ich werde versuchen, das zur Sprache zu bringen, was mich in diesem Zusammenhang ärgert und wütend macht.
Die Finsternis der Herzlosigkeit
Es sind ja insgesamt keine deutschen Reaktionen gekommen, die regierungsamtlich waren oder von relevanten Organisationen. Das ist für sich schon bezeichnend. Hier ist das Gefühl für Armenier, dass sie eigentlich keine Relevanz haben, fast schon ein Nichts. Das ist eine wahnsinnige Kränkung und lässt einen eher mit Ohnmachtgefühlen zurück. Eine Frage drängt sich da auf: Kann Deutschland zur Heimat werden?
Wenn sich jemand mit uns beschäftigt, dann sind es solche Leute, die in türkischen Milieus beheimatet sind, wie z.B. der taz-Journalist Gottschlich, der „unser Mann“ in Istanbul ist. Immerhin ist er Mit-Begründer von taz, nicht irgendjemand. Zu seiner Polemik hat Jaklin Chatschadorian bereits sehr treffende Dinge gesagt[1]. Anhand dieser Polemik könnte man eine Theorie der deutschen Linken entwickeln. Neben unzähligen Perversionen, die der Kommentar enthält, möchte ich auf einen Zug hinweisen, der auch in einem anderen Beitrag uns begegnet: Da wird dem armenischen Außenminister Eduard Nalbantian vorgehalten, sich zum französischen Gesetz „euphorisch“ zu äußern. Neben der praktizierten Geringschätzung des armenischen Ministers, in dem sein Name nicht genannt wird, hingegen der des türkischen Präsidenten schon, wird den Nachkommen von Völkermordopfern eine Genugtuung nicht gegönnt, ganz im Gegenteil. Das ist das Maximum der Empathielosigkeit einer pervertierten Linken. Gerade diese Empathielosigkeit verbindet diesen taz-Journalisten mit einem Prof. Merkel, der einen sogenannten Gastbeitrag in der FAZ verfasst hat. Die Polemik von Prof. Merkel, die - weil sie von einem Rechtsprofessor stammt - sich als ein geheiligtes Rechtsgutachten oder gar als (pseudo-salomonischer) Richterspruch tarnen kann, enthüllt das Band der Sympathie in der Herzlosigkeit[2] von links und rechts. Symptomatisch ist auch – neben vielen den Völkermord an den Armeniern relativierenden eifrigen Worten -, dass ein türkischer Prototyp des „kleinen Mannes von der Straße“ herbeigezaubert werden muss, um eine moralische Verteidigungslinie aufzubauen: der türkische „Gemüsehändler“[3] in Paris, dessen Befindlichkeiten und Identitätsstrukturen in Schutz genommen werden, nicht aber eines Armeniers einer Armenierin in der Diaspora. Deren Lebenswelt bleibt völlig im Dunkeln; sie sind nichts Wert. Nicht, dass die Existenz und Wert der Armenier von der Gnade dieses Gastbeitrages abhängen würde, aber er bestätigt die Bedeutungslosigkeit der Armenier in Deutschland sehr deutlich. Mit Dr. Tessa Hofmann[4] kann man in gewisser Weise resignativ sagen, dass noch viel „Überzeugungsarbeit“ zu leisten ist. Ich befürchte nur, dass der Gastbeitrag eines Rechtsprofessors und seinesgleichen nicht für Argumente empfänglich sind, sondern dass diese verheerende Position schlicht und einfach geächtet werden muss.
Armenier haben keine politische Organisation in Deutschland
Die Ächtung braucht aber eine Massenbasis, die zu mobilisieren nicht die Kunst der Armenier ist, wie die höchst schwache Petitionsunterstützung für die Bestrafung der Leugnung in Deutschland vor Augen führt. Wir sind auch keine Künstler der politischen Kampagnen. Wer soll diese denn auch organisieren? Man muss sich schon Gedanken machen über die Partizipation von Armeniern und armenischen Organisationen in Deutschland. Wie kann man Vereine und Gemeinden ansprechen und einbinden? Es ist sicherlich zu einfach, weil das erwünschte Ergebnis nicht erzielt worden ist, die Leute dafür zu beschuldigen; Wenn man auch ehrenamtlich arbeitet – was viel Lob verdient -, berechtigt das nicht zur grenzenlosen Selbstgefälligkeit. Man muss schon auch das eigene Handeln reflektieren. Ich frage mich auch, ob ein Netzwerk mit Armeniern in Frankreich organisiert ist, die zu einem guten Stück das Gesetz zur Realität werden lassen. Ein Erfahrungsaustausch. Diskussionsabende. Namen. Orte. Termine.
Wenn man Armenier ist, heißt es noch lange nicht, dass man auch politisch interessiert und auch noch politisch aktiv sein muss. Diesem Trugschluss sitzt man häufig auf, auch bei anderen Aktivitäten. Ich will aber auch diejenigen nicht verstehen, die das Thema „Völkermord“ als ein zu belastendes, negatives, also nicht zu behandelndes Thema abtun wollen. Es bleibt also das Problem der politischen Organisation der Armenier in Deutschland, denn ein „ZAD“ kann es wohl nicht tun, dessen Erfolge sich im lieb gemeinten Sammeln von Lokalpresse-Schnippseln zu erschöpfen scheinen.
Stockholm-Syndrom „AGOS“
Ein störendes Seitenfeuer erhält man mit Gewissheit von „AGOS“. Erstens muss man das, was Armenier in der sog. Türkei sagen, in Klammern setzen, unter Quarantäne halten, denn sie sind entmündigte Untertanen. Zweitens sind sehr viele Anzeichen dafür vorhanden, dass bei ihnen das Stockholm-Syndrom sehr augenfällig ist. Selbstverständlich könnte man dieses Syndrom auch als Kulturangleichung – wenn man es nicht als Selbstaufgabe und Masochismus nennen will - bezeichnen, was keine wirkliche Ehrenrettung ist. Auch hiermit hängt zusammen, dass die alltägliche Erniedrigung der Armenier als eine nicht sonderlich schlimme Sache wahrgenommen wird. Die Erfahrung des „Alman iste!“ („So sind die Deutschen eben!“) wird gewissermaßen spiegelbildlich als „Türk iste!“ („So sind die Türken eben!“) hingenommen.
Es ist mir unbegreiflich, wie „AGOS“-Leute das französische Anti-Leugnungsgesetz als einen Rückschlag für Armenier wahrnehmen können wollen. Man ist geneigt zu vermuten, dass diese ablehnende Haltung eine Reinwaschung des schlechten Gewissens dafür ist, dass man das Weiterleben in der schlimmsten Diaspora – nämlich der im eigenen Land - rechtfertigen muss: eine Art Selbstkasteiung. Ich frage mich, ob sie sich öffentlich gefragt haben, ob sie es in der sog. Türkei offen hätten befürworten können. Die in die auch armenischen Knochen hineingesickerte nationalistische Ideologie, dass das Ausland eigentlich nur Böses will, ist erbärmlich. Dass das Gesetz eventuell auch die Diaspora-Armenier ein Stück weit als Personen achtet und sie ins Recht setzt. Sie sind ja größtenteils auch europäische Bürger, die ihre Bürgerrechte einklagen und nicht Opfer von Verunglimpfungen, Entwürdigungen und Attacken auf alle ihre Lebensbereiche werden wollen, also sie befürworten dieses Gesetz auch für das konkrete Hier und Jetzt – und nicht für ein mystifiziertes Vorgestern - ihres Lebens in Europa und nicht für „Türken“ in der sog. Türkei, mit der nicht alle Armenier ihr Schicksal verbinden wollen.
Diese Überlegungen kommen „AGOS“-Leuten nicht wirklich in den Sinn, denn sie müssen ja mit den „fortschrittlichen“ Türken mithalten, sich ja nicht eine „unversöhnliche“ Blöße geben. Haben sie über eine andere Chance?! Sie müssen gewissermaßen als Geiseln gegen entsicherte Waffen argumentieren, und deshalb müssen sie auch die Demokratisierung des Landes als „eigentliches Ziel[5]“ propagieren. Ich aber sage: Die „Türken“ haben die Bringschuld. Wer es Ernst meint mit der „Versöhnung“, darf die Armenier in der sog. Türkei nicht für eigene Zwecke instrumentalisieren und den Anschein von eigener Großzügigkeit und eigener Güte erwecken: Die neue türkische Religion mit Hrant Dink als realem Opfer, das die Kontinuität zwischen Selbst-Verblendung und Selbst-Hass bildet.
[1] Siehe Jaklin Chatschadorians Artikel „Jürgen Gottschlich und die auf die Wahrheit bestehenden Heuchler“ http://diefarbedesgranatapfels.wordpress.com/2012/01/24/jurgen-gottschlich-und-die-auf-die-wahrheit-bestehenden-heuchler
[2] Indem dieser Begriff für die Oberschlauen und die Durchblicker als hoffnungslos veraltet mithin als wertlos gilt, entpuppen sie sich als die wahren Verteidiger einer barbarischen Kultur.
[3] Der Türke als Gemüsehändler (neben „Döner“-Verkäufer) ist ja in sich schon stereotyp und weckt die Erinnerung an Ablehnungen der Ayslgesuche von Folteropfern, denen tröstlich die Kulturspezifik dieser Gewalt als Grund beigebracht wurde.
[4] Interview mit Dr. Tessa Hofmann in ArmenienInfo.net http://www.armenieninfo.net/interviews/3024-interview-mit-tessa-hofmann-zur-frage-der-strafbarkeit-von-genozidleugnung-in-deutschland.html
[5] Ulrike Dufner von der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul sieht es auch so. In ihrer Sicht sind die „Armenier im Exil“, womit wohl die Diaspora-Armenier gemeint sind, eigentlich nicht zukunftsgewandt – im Prinzip reaktionär! Siehe Interview im Deutschland-Radio: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1661489. U. Dufner war Mit-Organisatorin der internationalen Fachtagung zu Deutschlands Entwicklung nach der Resolution von 2005, die im September 2011 in Berlin stattfand.
© Bild: "The Wounded Angel" von Hugo Simberg (1873 - 1917). Quelle: Wikipedia, sv:Bild:Simberg.jpg






Einsame Straße im Snagesur.
Der Rückzug ohne Lied.




