StartAktuelle AusgabeMeinung & DebatteArmenier sind nicht reif für die plurale demokratische Kultur – Der Fall Armenischer Kulturverein in Hessen: Armenische Lektionen 1

Armenier sind nicht reif für die plurale demokratische Kultur – Der Fall Armenischer Kulturverein in Hessen: Armenische Lektionen 1

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Was ist das? Was soll das?!

Ich möchte einige bittere Erfahrungen zu Papier bringen, die ich als Armenier in Deutschland mit Armeniern in Deutschland mache, wenn das hier auch Ausdruck einer persönlichen Enttäuschung ist, hat es doch allgemeine Züge, die in dieser oder anderen Form möglicherweise zur Sprache kamen, aber meines Wissens nicht öffentlich – bennenbar und kritisierbar. Im Untertitel habe ich es „armenische Lektionen 1“ genannt, da das Gesagte und Thematisierbare eine Reihe notwendig macht, die ich bei Gelegenheit fortsetzen möchte.

Neulich fand die außerordentliche Gemeindeversammlung des Armenischen Kulturvereins in Hessen statt. Treffpunkt: Vereinsräume in Frankfurt. Es sollte der erste Vorsitzende des Vorstands gewählt werden. Die Versammlung musste erneut einberufen werden, weil das Amtsgericht die zuvor durchgeführte Wahl nicht anerkannt hatte – wegen Formfehler. „Formfehler“ bedeutet in diesem Fall: Der zweite Vorsitzende Mher B. hatte bei der letzten Wahl sich als Tagesvorsitzender aufgedrängt, was nicht satzungsmäßig war. Dagegen hatte die zurückgetretene erste Vorsitzende Anahit K. Beschwerde beim Amtsgericht eingelegt.

Was ist das Problem?

Die zurückgetretene erste Vorsitzende Anahit K. wollte bei der letzten außerordentlichen Versammlung die Gründe ihres Rücktritts erklären. Diese Möglichkeit wurde ihr vom Tagesvorsitzenden Mher B. verwehrt. Zuvor waren allerdings die Schriftführerin und der Beisitzer ebenfalls zurückgetreten. Der Vorstand war also ein Notvorstand. Es wäre sicherlich sinnvoll gewesen, etwas über die Gründe des desolaten Zustands des Vorstands zu erfahren, bevor überhaupt eine Wahl stattfindet,damit so etwas wie eine demokratische Meinungsbildung zustande kommt.

Bei der jetzt einberufenen Mitgliederversammlung wurde der zurückgetretenen ersten Vorsitzenden Anahit K. allerdings erneut die Chance verwehrt, zu ihren Rücktrittsgründen etwas zu sagen. Diesmal musste eine Abstimmung der Versammlung erst über einen Antrag erzwungen werden, wobei der diesmalige Tagesvorsitzende Massis N., mit allen Wassern gewaschene graue Macht-Eminenz, den Antrag in seinem Sinn veränderte und den Versammelten auch mit aggressiver Unnachgiebigkeit einschärfte, seinen Präferenzen Folge zu leisten. Der Tagesvorsitzende war vollkommen unbeeindruckt von dieser desolaten Situation, die für ihn nicht erörtert werden musste und durfte. Es sollte offensichtlich zu keinem offenen Meinungsaustausch kommen, sondern die seit über zehn Jahren die Vereinspolitik dominierende Clique unhinterfragt die Macht behalten – zu welchem Preis auch immer. Es werden gern Menschen verschlissen. So wundert denn auch nicht, dass motivierte und kompetente Leute sich längst nicht in Gemeinden engagieren und sich angewidert in andere Enklaven zurückgezogen haben, wo sie – jeder für sich und auf eigene Art – mehr oder weniger zufrieden leben. So kann der Verein im eigenen Saft inzestuös vor sich hin schmoren.

Die diffuse Angst vor Schwäche und Bedeutungslosigkeit wird in der armenischen Gemeinschaft gern erzeugt und zur Geschlossenheit aufgerufen, wenn man keine Kritik zulassen will, denn die Vielfalt wird als etwas Schädliches gedeutet, wie es der kürzlich veröffentlichte Bericht des politischen Beraters des ZAD-Vorstandes deutlich formuliert.

An diesem Fall kann man viele Dinge klar machen, die mit unserem Armenischsein zusammenhängen. Ich werde es versuchen, lektionsweise darzustellen – für mich und für andere.

Fürs Erste drei Dinge, die ich verdauen musste:

(1) Das Ergebnis zählt, egal, wie es zustande kommt!

(2) Wer Missstände nach „außen“ trägt, ist ein Verräter!

(3) Schafe bekommen die Schlächter, die sie verdienen!

 

Das Ergebnis zählt, egal, wie es zustande kommt!

Diese bittere Erkenntnis wurde mir zuletzt klar, als ich die als geradezu perfide und zynisch zu bezeichnende selbstherrliche Stellungnahme des zweiten Vorsitzenden Mher B. zum Schreiben des Amtsgerichts las. Die höchst aufschlussreiche Passage aus der Stellungnahme des Herrn Mher B. im Wortlaut: „Durch die Wahl des Herrn Mher B. mit der großen Mehrheit der Stimmen wird jedenfalls deutlich, dass die Gesamtinteressen aller Mitglieder an einer einwandfreien Willensbildung gerade nicht verletzt wurden.“

Bei diesen Worten bin ich schlagartig an die monströsen KP-Sitzungen in der Sowjetunion erinnert worden, wo Ergebnisse von 99% herauskamen. Dieses auf den ersten Blick so verblüffend einleuchtende post factum-Argument, weshalb eine herbeigeführte Entscheidung legitim ist, hat auch eine Entsprechung in der Maxime: „Erst schießen, dann fragen!“ Der Zweck heiligt also alle Mittel. Es wäre wohl nach dieser absurden Logik zu folgern, dass, wenn Mher B. nicht mit großer Mehrheit gewählt worden wäre oder gar überhaupt nicht gewählt worden wäre, dieses Ergebnis die „Gesamtinteressen aller Mitglieder“ verletzt hätte.

In der Stellungnahme wird auch deutlich, wie demokratische Prozesse verstanden werden. Das Wahlvolk wird nämlich zum Stimmvieh degradiert. Es besteht kein Interesse an einer kritischen Meinungsbildung, die eine offene Diskussion erforderlich macht. Es spricht daraus aber auch ein paternalistisches Politikverständnis, das für sich in Anspruch nimmt, das Richtige zu wissen und zu tun und dabei sich nicht hineinreden zu lassen. Hierzu passt, dass die Ehefrau des zweiten Vorsitzenden, Lusine V., bei der annullierten Vorstandwahl zur ersten Vorsitzenden gewählt worden war – bei der letzten erneut –, ohne offen zu sagen, was sie als Vorsitzende vorhat und darzustellen, wie sie sich die Arbeit des Vereins vorstellt, sondern alles als selbstevident und nicht der Ausführung bedürftig voraussetzt. Es wird damit gewissermaßen eine dynastische Macht installiert, ohne sich großartig Gedanken über ethisch-moralische Konflikte zu machten. Die Hauptsache bei der Vorstandswahl war, vollendete Tatsachen zu schaffen, Konflikte unter den Teppich zu kehren und hinter den Kulissen wieder zu agieren, ein „hidden curriculum“ zu zelebrieren und ja nichts öffentlich werden zu lassen.

Hier wird ein Feld für Personen eröffnet, die in autoritären Regimen ihr politisches Verhaltensrepertoire ausgebildet haben. Wer Missstände nach „außen“ trägt, wird dann auch als Verräter stigmatisiert! Mit dieser Moralkeule sollen vernünftige Möglichkeiten der Konfliktregelung und eine offene und verständigungsorientierte Kommunikation erschlagen werden, denn das Verbergen nützt den autoritären Personen, die sich zu Richtern aufschwingen. Es war für den Tagesvorsitzenden Massis N. geradezu blasphemisch und unerträglich, dass überhaupt eine „ausländische“ Stelle, wie das Amtsgericht, eingeschaltet wurde. Diese im Eifer des Gefechts explodierenden Äußerungen sind natürlich der Ausdruck der schmerzlichen Exil-Diaspora-Erfahrung – und das nach vierzig Jahren. Das tut weh! Diese Äußerungen sind aber ganz schlicht auch der Ausdruck einer vormodernen Moralvorstellung, die sich aus nationalistischen Quellen speist. Der Verein soll eine niedrig strukturierte Familie sein, paternalistisch und autoritär geführt, und keine Vereinigung, die rechtlich organisiert und komplex genug ist, um z.B. auch andere Leute als den eigenen Clan einzubinden, auch größere Landes-Projekte professionell durchzuführen, oder auch die Vereinsarbeit insgesamt professionell zu gestalten. Und diese Dinge kann man nicht durch Getuschel, zwischen Tür und Angel erledigen.

Man hatte den Eindruck, dass auch für die versammelten Mitglieder diese als formell erscheinenden Fragen, wer, wie, wann, wie viel etc. sagen und tun kann und wem man gegenüber verantwortlich ist als lästig empfunden wurden. Man wollte ja immer schon schnell nach Hause. Diese häufig in den Vereinsräumen Erscheinenden bestimmen die Atmosphäre im Verein und meinen durch die Anwesenheit ein Vorrecht erworben zu haben, wie die Dinge zu laufen haben. Das „Meinen“ ist aber auch schon zu viel der Willensbekundung. Der „deutsche Behördenkram“ des Vereins ist eine Überforderung für die Meisten und es ist gut, dass ein Gerissener das übernimmt. Es gibt ein stillschweigendes Übereinkommen, das machterfahrene Gespann Mher-Lusine, das sich jetzt unverblümt monarchisch geben kann, ist prädestiniert, als Vorzeigefigur die Geschicke des Vereins zu lenken, hinter der man sich zurücklehnen und alles so belassen kann, da man nicht mehr will, nicht mehr kennt, aber im Stillen schielt man nach ihnen, hegt Neid und Groll gegen sie, will sich aber auch in ihrem vermeintlichen Glanz sonnen. Das Sich-Gegenseitig-Beschnuppern reicht für das kleine Glück in der Fremde. Man will nicht großartig mitbestimmen, gestalten, organisieren. Es reicht, wenn zu Zusammenkünften Gebäck mitgebracht wird. Es ist denn auch nur konsequent, wenn es als überflüssig erachtet wird, dass Gründe für Rücktritte oder anderer Belange öffentlich erörtert werden – wenn überhaupt ein Interesse daran besteht, nach Gründen zu fragen -, wenn es doch auch im Privaten zwischen Tür und Angel oder viel besser, wenn über andere es erfahren wird, mit der stillen Post. Kleine Verhältnisse, kleine Gemüter. Es ist nur traurig, dass zwischen Wunsch und Wirklichkeit Welten klaffen. Die pluralistische selbstverantwortliche Kultur ist ein Fremdkörper in unserer armenischen Gemeinschaft.

So bekommen Schafe die Schlächter, die sie verdienen.

Ich muss und will das nicht mittragen!

 

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Diaspora & Rückkehr

Es ist viel über den Begriff und die Sache „Diaspora“ gesagt worden. Anscheinend ist es so, dass man sich gerade als Mitglied der Diaspora in einem herausgehobenen Sinn mit einer gewissen Permanenz damit beschäftigt, wer man ist und wohin man gehört. Neben dieser Überlegung begegnen einem begriffliche Verwirrungen, dass neben der armenischen Diaspora auch z. B. von der türkischen Diaspora gesprochen wird. >>weiter

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