Zehn Jahre nach den Terror-Anschlägen in New York fand im Mai im Haus der Kulturen der Welt in Berlin ein Symposium über Politik und Sprache von 9/11 statt . Eine Expertenrunde diskutierte zwei Tage lang über die Auswirkungen auf die Gegenwart und die Zukunft und zogen eine Bilanz. Das Haus ist ein Ort für internationale Kunst und ein Forum für aktuelle Entwicklungen und Diskurse aus der ganzen Welt. Es befindet sich außerhalb des universitären Raumes, ist aber ein Teil des akademischen Raumes geworden und es finden dort regelmäßig Seminare und Veranstaltungen statt. Die behandelten Themen ziehen verstärkt politisch Interessierte und Akteure an.
Im akademischen Raum wird erwartet, dass der Vortragende die Begriffe und Theorien definiert, die er während des Vortrages benutzt und in einen Kontext setzt. Der Vortragende muss imstande sein, sein Werkzeug, zu präsentieren und zu argumentieren. In Räumen, in denen Akademiker und politisch emotionalisierte Zuhörer zusammen treffen, sind Missverständnisse vorprogrammiert. Der politisch emotionalisierte Zuhörer versteht nicht, dass der Akademiker nicht seine Meinung auf dem Podium demonstriert, sondern mit den Werkzeugen eines Sozial- und Geisteswissenschaftlers analysiert. Im Haus der Kulturen der Welt war es genauso; die meisten der Zuhörer waren mit dem Vortragenden nicht einverstanden, es gab direkte Beleidigungen und starke Wortwahl vom Publikum. Der Wissenschaftler auf dem Podium sprach über seinen Forschungsbereich und der politisch emotionalisierte Zuhörer verstand etwas anders, weil er etwas anderes hören wollte, er wollte Lösungen, Perspektiven ...
Im politischen Raum sind dagegen andere Fähigkeiten gefragt als im akademischen Raum. Der Vortragende muss den Zuhörern Parolen und Kampfbilder liefern. Er muss imstande sein zu emotionalisieren, die Stimmung anzuheizen und mit seinen Zuhörern eins zu werden und deren Erwartungen bedienen. Und der politische Raum ist bisweilen ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, wer am lautesten schreit, wird seine Fische eher los.
Im akademischen Raum erklärten man, warum man Hannah Arendt, Kant oder Hegel zitiert, in welchen historischen oder sozialwissenschaftlichen Kontexten diese stehen, welche Zusammenhänge erkennbar sind. Im politischen Raum brauchen man das akademische Werkzeug nicht. Im akademischen Raum, finden immer wieder neue Begriffe Eingang, manche bleiben, manche verändern sich, manche veralten und manche werden Modewörter und bekommen eine eigene Entwicklung. Zu diesen neuen Modewörter gehört der Begriff „indigene Bevölkerung“. Ursprünglich wurde er als Sammelbezeichnung für alle Nachkommen der vorkolumbischen Bevölkerung benutzte. Für native Amerikaner, lateinamerikanische Naturvölker, Urbevölkerung oder aus Höflichkeitsgründen anstatt Eingeborene. Heute wird er international gebracht, um marginalisiert Bevölkerungsgruppen zu definieren, deren Nachkommen auf Eroberung, Kolonisation und auch Sklaverei zurück blicken und sich selbst als eigenständiges Volk verstehen. In Europa wird dieser Begriff für zwei nationale Minderheiten verwendet: für Samen in Nordskandinavien und für Basken in Spanien. Wenn es auch darüber wissenschaftliche Abhandlung gibt, ist man der Meinung, die beiden nationalen Minderheiten seien eher sprachliche Minderheiten.
Um so überraschender war es für mich, dass in einem politischen Raum Armenier und Kurden als indigene Bevölkerung bezeichnet wurden. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich mir nicht bewusst gewesen, das ich eine Eingeborene bin. Das zeigt zwar meine Unwissenheit, aber es verstärkt meine theatralischen Impulse. Ab sofort werde ich alle meine Vorträge mit dem indianischen Kopfputz meines Sohnes halten. Dazu werde ich peruanische und kolumbianische Trachten anziehen und Pan-Flöte spielen, zu den Naturvölker gehören und könnte mit Bastrock antreten, mit ganz vielen bunten Glasperlen.
In Anbetracht der Tatsache, dass auf den kaukasischen Bergen keine Türme gebaut wurden, um die Kontrolle des Zuzugs der türkischen, Altai-Sprache sprechenden Bevölkerung zu dokumentieren, können wir nicht wissen, wie viel und wer aus Asien nach Anatolien eingewandert ist, alles Wissen darüber ist hypothetisch.
Nennen wir es indigene Naturvölker: Armeniern und Kurden gehören dazu. Was ist mit Assyrern und Aramäern oder Chaldäern, die der unierten Kirche angehören? Die Griechen, Pontos-Griechen, die Türkisch sprechenden Karamanlins? Oder die Inselgriechen? Was machen wir mit dem muslimischen Georgien? Weil sie Muslime geworden sind, sind sie nicht mehr indigen? Das bedeutet, sie haben sich von ehemals Beherrschten zu Herrschenden entwickelt. Hemschin, wie nennen wir sie? Hay Poscha? Sie sind auf jeden Fall indigen, da sie als armenische Romas ursprünglich aus Indien eingewandert sind. Dann gibt es doch all die arabischen Christen mit verschiedenen liturgischen Sprachen. Wo tun wir die Aleviten hin? Wo jedes Dorf ein anderes Verständnis von Alevismus hat, dann sind sie multi-indigen. Jetzt wird die Sache prekär: all die Albaner, muslimischen Kretaner, Pomaken, Makedonier, muslimischen Sintis, Sabataisten. Wie sollen wie sie nennen? Auch indigen? Ethnische oder sprachliche Minderheit, Vertreibung, Kolonisation? Es ist alles vorhanden.
In meiner Kindheit gab es noch in unserem Viertel in Üsküdar Rum Arnavut, also griechische Albaner. Einer von diesen Herren war mit einer Pontosgriechin verheiratet, die Familien mochten sich nicht untereinander - ist leicht untertrieben.
Nun, wir gehen weiter und stellen fest: die Türken sprechen eine Altai-Sprache, sie sind Zugewanderte und haben die indigene Bevölkerung in Anatolien (ich entschuldige mich, ich weiß es nicht, wie ich diesen Landstrich nennen soll: Oströmisches Reich?) unterjocht, die Kolonialherren, unsere Eroberer, unsere Konquistadoren. Wir haben sie mit Syphilis angesteckt und sie haben uns die Influenza gebracht. In Anbetracht der Tatsache, dass auf den kaukasischen Bergen keine Türme gebaut wurden, um die Kontrolle des Zuzugs der türkischen, Altai-Sprache sprechenden Bevölkerung zu dokumentieren, können wir nicht wissen, wie viel und wer aus Asien nach Anatolien eingewandert ist, alles Wissen darüber ist hypothetisch.
Warum kann die Welt nicht so funktionieren, wie man gern hätte? Mann könnte doch so schön daran basteln.
Die Geschichte wurde immer von den Herrschenden geschrieben. Hier ist die eurozentrische Kultur, dort das Naturvolk, das indigene. Ein sehr kolonialistischer Blick. Wenn auch innerhalb des UNHCR über einen Begriff Streitigkeit gab und alle Meinungen an einem Tisch zu ihrem Recht finden müssen, sollten man sich von jeder plakativen Rhetorik distanzieren.
Die Rechte der indigen Bevölkerung in Lateinamerika war der Kampf zwischen der herrschenden Minderheit und beherrschten Mehrheit. Die Sklaverei und die Kolonisationen ... ... und dann wird jemand sagen: im Osmanischen Reich war es auch nicht anderes. Aber im Hofe waren alle Sklaven, die Janitscharen, die Hofbeamten, die Haremsdamen, sogar der Sultan, .... eine Sklavengesellschaft. Es gab auch Armenier, die sich entmannen ließen, um als weiße Eunuchen in die herrschende Gesellschaft aufgenommen zu werden, für die Karriere. Sie ließen sich erst entmannen, und dann bekannten sie sich zum Islam, weil der Islam die Entmannung für einen Muslim nicht erlaubte.
Die Geschichte ist kein Märchenbuch, wir müssen auch hinterfragen, warum etwas geschrieben wurde. Man geht in kein Archiv nackt hinein, man nimmt seine Herkunft, Bildung, Erziehung, Vorurteile und gespeicherte Erfahrungen mit.
So wieder zurück, wenn die Geschichte von den Herrschenden geschrieben worden ist, sollten wir nicht mal die Zeit nutzen, Geschichte anderes zu verstehen oder anderes zu schreiben, nämlich von unten. Die offizielle Lesart in der Türkei propagiert, dass die Türken aus Zentralasien kommen usw. Wenn wir aber diesen Diskurs annehmen und sagen, Türken sprechen eine Altai-Sprache und sie kommen aus Asien, bestärken wir den türkischen Diskurs, statt zu sagen, ihr seid Anatolier und Konvertiten aus dem Balkan. Sonst könnte jemand antworten und sagen: Die Armenier und Kurden sprechen eine indogermanische Sprache und sollten nach Indien auswandern. Aber bitte schön, was sollen wir am Ganges?






Einsame Straße im Snagesur.
Der Rückzug ohne Lied.




