Die baden-württembergische Metropole Stuttgart scheint ein merkwürdiges Pflaster zu sein. Erst sperrt die Universität ihre Räume für eine Holocaust-Gedenkveranstaltung, dann ändert ein Ticket-Unternehmen eigenmächtig inhaltliche und personale Informationen zu einer armenischen Kulturveranstaltung: beides auf Druck aus Berlin, beides auf Druck Demokratie ferner Staaten, zunächst der Türkei, dann Aserbaidschans.
Die Universität möchte in Sachen Völkermord lieber ihre "Neutralität" bewahren, das Ticketunternehmen fürchtet augenscheinlich um zukünftige Geschäfte. Wie stabil ist eigentlich unsere Demokratie, wenn so wenig Druck schon ausreicht, einzuknicken und unmoralischen Angeboten nachzugeben? Ein Trost immerhin: Ein Wochenende lang hat Easy Ticket, durch massiven armenischen Protest wachgerüttelt, nachgedacht – und dann doch noch die Kurve gekriegt.
Ich bin eingeladen, an jenem 19. September ein neues Buch vorzustellen. Das Tagebuch einer Pilgerreise, die mich auch nach Arzach geführt hat, in die Republik Nagorny-Karabach, wie dieses kleine Land offiziell heißt. Aserbaidschan erhebt Ansprüche auf dieses Land. Aber nicht nur das: Es beansprucht offensichtlich auch in Deutschland die Formulierungshoheit über das, was wir über Arzach äußern dürfen oder nicht. Stehe ich bei meiner Lesung unter der Oberaufsicht der aserbaidschanischen Zensurbehörde? Muss ich in Zukunft meine Zunge und meine PC-Tastatur zügeln? Weil nicht einmal mehr die vornehmsten Hüter von Wahrheit und Redlichkeit, die Universitäten, bereit sind, sich den Sachzwängen öl-gesteuerter und/oder geostrategischer Einflussnahmen zu verweigern? Wie sieht eigentlich eine „neutrale“ Position zum Völkermord aus? Wen gruselt’s da nicht? Wenn selbst die Universität in einer solchen Frage dem leisen Wink aus Ankara Folge leistet, wie kann sich ein kommerzielles Dienstleistungsunternehmen einem unfreundlichen Ansinnen Bakus entziehen?
Am Ende aber zeigt Easy Ticket mehr Rückgrat als die Universitätsleitung. Der Zensurversuch ist gescheitert. Wir können nun hoffentlich ohne weitere Querschüsse das Hohe Lied der Kultur anstimmen und die Wiedergeburt armenischer Kunst feiern.
Lesung in Stuttgart aus dem Buch "Planet Armenien. Pilgern in unbekanntem Land."






Einsame Straße im Snagesur.
Der Rückzug ohne Lied.




