
Die armenische Diaspora kann auf eine bis in das Mittelalter reichende Geschichte ihrer Präsenz im östlichen Europa zurück blicken. Armenische Gemeinden in Städten wie Lemberg und Kamieniec Podolski in der heutigen Ukraine, Elisabethstadt in Siebenbürgen (Rumänien) oder im südrussischen Astrachan’ besaßen nicht nur große Bedeutung für das kulturelle, religiöse und materielle Leben der Armenier Ost- und Mitteleuropas (und darüber hinaus), sondern prägten auch Kultur, Architektur und Wirtschaft ihrer Siedlungsorte.
Vor allem im Handel waren Armenier über die Jahrhunderte prominent beteiligt, so zum Beispiel im Fernhandel mit persischer Rohseide und anderen orientalischen Waren zu den Absatzmärkten Westeuropas. Doch auch armenische Handwerker, Diplomaten und Kulturschaffende hinterließen ihre Spuren zwischen der Donau und der Wolga, zwischen Ostsee und Schwarzem Meer.
Trotzdem ist die Geschichte der armenischen Diaspora in Osteuropa bis heute auch Historikern vergleichsweise wenig bekannt. Das Forschungsprojekt „Armenier in Wirtschaft und Kultur Ostmitteleuropas (14.-19. Jahrhundert)“ am Geisteswissenschaftlichen Zentrum für Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) in Leipzig möchte dazu beitragen, die Rolle der armenischen Diaspora in der Entwicklung von Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft dieser historischen Region besser zu verstehen und sowohl der Fachwelt als auch einem breiteren Publikum zu vermitteln. Unter anderem bereitet das Projekt eine wissenschaftliche Buchreihe sowie Quelleneditionen vor, beteiligt sich an internationalen Konferenzen und Seminaren und war Veranstalter der Jahrestagung des GWZO „Armenier in Wirtschaft, Kultur und Politik des östlichen Europa (1000-1900)“ vom 24.-25. November 2011.
Im Rahmen des Forschungsprojektes befasst sich mein Dissertationsvorhaben „Diaspora und Imperium. Armenier im vorrevolutionären Russland“ mit der Bedeutung diasporaler Gemeinschaften und Netzwerke für die imperialen Politiken vornationaler Vielvölkerreiche. So lässt sich im Falle der Armenier im Russland des 17. bis 19. Jahrhunderts beobachten, wie die Elite der armenischen Diaspora (d.h. der Armenier außerhalb des Südkaukasus) und die Moskauer bzw. Petersburger Regierung eine Form von wechselseitiger Austauschbeziehung miteinander eingingen, in welcher die armenische Minderheit wirtschaftliche und rechtliche Privilegien und Schutz erhielt, während sie insbesondere auf dem Gebiet des Fernhandels, aber auch in der kolonisatorischen Erschließung des Nordkaukasus und des Schwarzmeerraums und selbst im diplomatischen und Bildungsbereich wichtige komplementäre Funktionen in der russländischen Gesellschaft erfüllte. Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verloren die armenischen Gemeinden des Russländischen Reichs ihre Vorrechte und Privilegien, doch blieben Armenier auch weiterhin in vielen Berufen, Wirtschaftszweigen und Institutionen (man denke etwa an das Lazarev-Institut für Orientalische Sprachen in Moskau) einflussreich.
Besonderes Augenmerk lege ich in meiner Arbeit auf die Rolle armenischer Kolonien an der südlichen Peripherie des Reiches, deren Entstehen in den Zusammenhang russländischer Expansion vor allem des 18. Jahrhunderts in die Steppengebiete des Schwarzmeerraumes gebettet ist. Beleuchtet werden sollen anhand der armenischen Kolonien dieser Region die russländische Armenierpolitik ebenso wie armenisches Leben an der Grenze des Imperiums. Die Ergebnisse meiner Forschung werden 2013 in einer Monographie veröffentlicht werden.
Zur Person: Tamara Ganjalyan, geb. 1981 in Wien, studierte Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien. Seit 2011 wissenschaftliche Mitarbeiterin am GWZO, promoviert derzeit an der Universität Leipzig.






Einsame Straße im Snagesur.
Der Rückzug ohne Lied.




