Schicksal: Tabu und TraumaEs hat etwas Schicksalhaftes, dass die Behandlung armenischer Geschichte nicht von der türkischen abgekoppelt werden kann. Der Sammelband „Armenien: Tabu und Trauma“[1] enthält eine gehörige Portion türkische Geschichte. Herausgegeben wurde er von Martin Bitschnau, einem Menschenrechtsaktivisten mit armenischen Wurzeln. Der 1972 geborene Bitschnau setzt sich seit den 1990er Jahren in der Schweiz für eine Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern auf parlamentarischer Ebene ein und lebt seit 2003 in Wien.
Das Buch ist interessant, informativ und enthält viele Abbildungen, Karten, statistische Daten, ein umfangreiches Glossar und einen Register. Ein Arbeitsbuch, ein Nachschlagewerk, das man immer wieder zu Rate ziehen kann. Im Untertitel wird dieser Charakter des Buches auch benannt: Die Fakten im Überblick.
Der vorliegende Band ist der Auftakt zu einer Serie von Büchern, die die wichtigsten Facetten des Völkermordes an den Armeniern aus verschiedenen Blickwinkeln untersuchen sollen. Der erste Teil dieses Bandes gibt einen komprimierten (ca. 70 Seiten) Überblick mit verschiedenen kurzen Beiträgen zum Völkermord an den Armeniern. Der Beitrag des Schweizer Historikers Hans-Lukas Kieser unterstreicht die Rolle der „Jungtürken“. Der in den USA lebende und lehrende, türkische Soziologe Taner Akçam schildert die politische Organisation des Völkermordes und die Istanbuler Prozesse von 1919. Im zweiten Teil (ca. 25 Seiten) wird der juristische Begriff „Völkermord“ erklärt und eingeordnet, um im dritten und längsten Teil (ca. 130 Seiten) den „weißen Völkermord“ zu dokumentieren. Im Kapitelanfang heißt es: „Die Armenier nennen die seit mehr als 90 Jahren andauernde Verfolgung und systematische Vernichtung ihrer Identität, ihres sozialen Zusammenhalts und ihrer Religion durch bürokratische Mittel, diskriminierende Handlungen der Beamten und fortgesetzte Schändung und Verwüstung ihres religiösen und kulturellen Erbes den weißen Völkermord.“ Dieser Teil des Buches stammt ausschließlich vom Herausgeber Martin Bitschnau. Im Anhang gibt Bitschnau einen Überblick (ca. 15 Seiten) auch über die Armenier in Österreich.
Ohne Zweifel ist das Unternehmen, das komplexe Thema „Völkermord an den Armeniern“ mit einem interdisziplinären Ansatz zu behandeln, keine leichte Aufgabe, aber dennoch zu befürworten. Es ist allerdings auch fraglich, dass solch eine Aufgabe ohne eine institutionelle Verankerung, z.B. in Form einer finanziell abgesicherten wissenschaftlichen Forschungsstelle angemessen bewältigt werden kann. Der Eindruck bei diesem Buch ist denn auch, dass es eher nicht in der sorglosen scientific community angesiedelt ist. Umso mehr ist es als ein mutiges Unternehmen zu loben und zu unterstützen, mit dem Vorbehalt, dass der Idealismus in armenischen Dingen auch recht herbe Enttäuschungen bereit hält. Man kann auch jetzt schon ahnen, dass es mit den Folgebänden nicht so einfach sein wird, da die Systematik zu solch einer Reihe, die im Prinzip notwendig ist, nicht expliziert wird. Es wird lediglich auf eine Möglichkeit hingewiesen, die Themen in der Folge detaillierte zu behandeln. Welche das sein könnten und warum, wird nicht erläutert. Es fehlt leider im gesamten Buch eine Methodologie, die begründen würde, warum z.B. bestimmte Aspekte behandelt werden und was es bedeutet, dass diese behandelt werden. Diese Erläuterung hätte dem wichtigen Augenmerk mehr Gewicht verleihen können, dass der Völkermord nicht durch eine museale Behandlung ausschließlich von Historikern zu bewältigen ist. Im Fall des Völkermordes an den Armeniern – da er durch die Täter immer noch geleugnet und international je nach politischer Konjunktur relativiert und in Frage gestellt wird – ist eine politisch-juristische Behandlung unumgänglich. In diesem Sinn ist es nützlich, dass der Herausgeber einen Großteil des Buches dem „weißen Genozid“ gewidmet hat. Darüber hinaus wird ein wichtiger juristischer Kampf dokumentiert.
Man kann das Buch deshalb dort als angebracht ansehen, wo Wissen eher praktisch vermittelt wird. Es ist vor allem als eine Verlängerung der Menschenrechtsarbeit des Herausgebers Martin Bitschnau zu sehen, der auch die Internetplattform „voelkermord.at“ betreibt[1]. Es wäre sicherlich in dieser Hinsicht sehr interessant und folgenreich gewesen, wenn der Abschnitt zur „Schweizer Anti-Rassendiskriminierungsgesetz in der Praxis“ zum Hauptstrang des Buches geworden wäre, der auch naturgemäß dann wesentlich ausführlicher und mit allen analytischen Überlegungen zu politisch-juristischen Kampagnen dargestellt werden könnte. Das Ziel wäre, lehrbuchartig einen juristischen Fall zu rekonstruieren, um für die uns allen bevorstehende politische Arbeit etwas zu lernen.
Dieser Abschnitt zum „Schweizer Anti-Rassendiskriminierungsgesetz in der Praxis“ ragt dadurch hervor, weil hier eine gemeinsame politisch-juristische Aktion der Armenier in der Schweiz dargestellt wird, die auch einen Nachahmungseffekt auslösen könnte. Darin könnte also der praktische Sinn dieses Buches bestehen und würde auch seine Stärke ausmachen.
Es wäre durchaus hilfreich gewesen zu begründen, weshalb die Behandlung des Themas „Armenier in Österreich“ – wenn auch im Anhang – in diesem Überblicksband stattfindet. Es ist durchaus plausibel, diesen Abschnitt im dritten Teil („weißer Genozid“) zu behandeln: die Diaspora-Gemeinschaft in der Gefahr der Assimilierung und des Verschwindens? (Die Überprüfung und Begründung dieser Qualifizierung wäre eine empirische Aufgabe.) Dieser Gedanke kommt auch z.B. in der Namensgebung des Bochumer Instituts zur Genozid- und Diasporaforschung zum Ausdruck, weil eben die Diaspora ihre Bedingung im Genozid hat.
Für den ersten Band fehlen leider Beiträge, die sich im weitesten Sinn mit Identitätsfragen beschäftigen. Das erwartet man, weil der Buchtitel „Tabu und Trauma“ heißt. Das wäre ein weiterer – neben dem Schweizer Justiz-Fall – mit Gewinn zu lesender Abschnitt gewesen, denn im Vorwort zur Serie beginnt Martin Bitschnau mit der Schilderung einer symptomatischen Alltagserfahrung, die die Frage nach dem Armeniersein aufwirft.
Mit diesem Buch wird also nicht nur eine notwendige Reihe angekündigt, sondern indirekt auch auf Fehlendes verwiesen. Es fehlt ein Kompendium zum Völkermord an den Armeniern, das – vor allem in praktischer Absicht – einen Lehrmaterialcharakter aufweisen sollte: Handreichungen für Pädagogen, Lehrbücher, Trainingsmaterialien usw. Gerade der Anhang zu den Armeniern in Österreich macht es deutlich, dass auch eine Soziologie der Diaspora und der Diaspora-Gemeinden fehlt.
Martin Bitschnau (Hg.), Armenien: Tabu und Trauma 1; Die Fakten im Überblick. Gebundene Ausgabe, 322 Seiten. 2010, apyrenum press. Preis: € 38,90 ISBN 978-3-902772-01-5
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[1] Es wäre zu überlegen, ob eine Internet-basierte Datenbank eingerichtet werden sollte, die alle Übergriffe und Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit dem „weißen Genozid“ dokumentiert - natürlich auch alle juristischen und anderen relevanten Fälle - und der Öffentlichkeit und den Justizbehörden zur Verfügung stellt.






Einsame Straße im Snagesur.
Der Rückzug ohne Lied.




