StartAktuelle AusgabeKunst & KulturAnduni – Fragen an Drehbuchautorin Karin Kaci

Anduni – Fragen an Drehbuchautorin Karin Kaci

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Andrea Hanke (Redakteurin WDR), Karin Kaci (Drehbuchautorin), Samira Radsi (Regisseurin) und Anita Elsani (Produzentin) beim Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken (v.l.n.r.)haysociety:  Frau Kaci, wir gratulieren Ihnen zu Ihrem Film Anduni – Fremde Heimat, der am Donnerstag in die Kinos gekommen ist. In Deutschland sind ja einige Kinofilme bekannt, die das Thema „Armenische Identität in der Diaspora“ behandeln. Neben „Ararat“ von Atom Egoyan oder „Mayrig“ von Henri Verneuil oder aber „Avetik“ von Don Askarian gehört jetzt „Anduni“ zum deutschen Referenzrepertoir für die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema. Wird der Film aber eher als Gastarbeiter-Thematik wahrgenommen? Welche Intention hatten Sie mit dem Drehbuch?

Karin Kaci:  Vielen Dank erst einmal für die Erwähnung unseres Films in einer Reihe mit „Ararat“ – einer meiner Lieblingsfilme. Natürlich sehe ich unseren Debütfilm nicht im Vergleich zu diesem Meisterwerk. Aber um auf Ihre Frage zu antworten: Ja, auch wir erzählen von „armenischer Identität in der Diaspora“. Allerdings ist dieser Begriff genauso weitläufig wie die Unterschiedlichkeit der armenischen Diaspora selbst. Der Film handelt also nicht von „DEN Diaspora-Armeniern“ im Allgemeinen, sondern von einer armenischen Familie aus der Türkei, die in den 70ern nach Deutschland gekommen ist. Insofern ist diese Familie auch eine Gastarbeiterfamilie. Das kann man in diesem Fall nicht voneinander trennen.

Wie dieser Film von den Zuschauern und Kritikern in erster Linie wahrgenommen wird, ist sehr unterschiedlich. Einige sehen in „Anduni“ nur einen weiteren Multikulti-Gastarbeiter-Film. Andere hingegen sehen sehr genau den speziellen Hintergrund und die speziellen Konflikte einer Familie, die armenisch ist, aber aus der heutigen Türkei stammt. Ich habe diese spezielle Ausgangssituation natürlich bewusst gewählt. Nicht nur, weil sie auch meinem persönlichen Hintergrund entspricht, sondern weil ich mit dieser Erzählung die Frage aufwerfen wollte, was Heimat überhaupt ist, was Zugehörigkeit ausmacht. Wenn man von Armeniern aus der Türkei erzählt, wird diese Frage komplexer als bei einem Film, der beispielsweise von der kulturellen Zerrissenheit der Deutsch-Türken handelt.

haysociety:  Sind Sie überrascht, dass auch weniger positive Reaktionen auf den Film erfolgt sind? Auf was führen Sie diese zurück?

Karin Kaci:  Nein, dann wäre ich wohl naiv, wenn ich geglaubt hätte, auf unseren Debütfilm, der für mich persönlich zudem das erste lange Drehbuch war, würden ausschließlich gute Kritiken folgen. Auf was ich die weniger guten Reaktionen zurückführe, hängt natürlich davon ab, welche Reaktionen genau Sie überhaupt meinen. Auch müssten Sie das wohl eher die Kritiker selbst fragen. Aber wenn Sie wissen möchten, wie ich das erlebe, ist es so: Die Filmkritiken sind sehr unterschiedlich. Die meisten bewegen sich im Mittelfeld, in der Art, dass nicht alles gelungen sei an diesem Debütfilm, aber er greife ein viel zu selten behandeltes Thema auf, sei angenehm undramatisch oder charmant erzählt, sei vielschichtig, habe starke Momente oder Ähnliches. Mit Kritiken bezüglich dramaturgischer Schwächen kann ich leben. Zum einen, weil mir völlig bewusst war, dass ich von einer passiven Hauptfigur erzähle und dass es in diesem Film allgemein auch um eine Art Stagnation geht. Das an sich ist nicht jedermanns Geschmack. Zum anderen kann ich diese Kritiken aber teils nachvollziehen, weil wir Einiges aus Längen- und Budgetgründen leider herauskürzen mussten und Einiges auch im Schnitt noch weggefallen ist, was nun als Handlungssprünge oder zu starke Verdichtung erlebt werden könnte. Ich weiß, es ist eine Menge Stoff, der da in 90 Minuten nicht so aus erzählt werden konnte, wie er es verdient hätte. Unverständlich finde ich allerdings ein paar wenige Kritiken, die deutsch-türkische Filme zum Vergleich heranziehen und bei „Anduni“ dann mit erstaunlicher Sicherheit und sehr einseitig von Klischeehaftigkeit sprechen, auch noch so, als sei dies allein eine Wertung. Da frage ich mich, anhand welcher Maßstäbe dies beurteilt wurde. Wer was als Klischee empfindet, scheint mir eine sehr persönliche Frage zu sein. Ein Klischee bedeutet nicht, dass das Beschriebene nicht existent ist, wie bei einem Vorurteil. Im Gegenteil. Ich weiß natürlich, dass es genauso gut liberale armenische Akademiker und temperamentvolle deutsche Arbeiter gibt, aber ich habe die armenische Familie nun mal so erzählt, weil sie mir genau so persönlich vertraut ist. Und die deutsche Familie kommt mit nur einer Szene sicherlich zu kurz, aber sie verkörpert für mich nicht einfach nur das bornierte Bildungsbürgertum, sondern eine tatsächliche Unterstützung der persönlichen Entfaltung ihres Kindes. Ich glaube, das sehen die Deutschen selbst zu einseitig negativ. Zuletzt möchte ich aber doch noch mal erwähnen, dass es auch sehr gute Kritiken gibt – besonders die, die sich mit dem speziellen armenisch-türkischen Hintergrund beschäftigt haben.

haysociety:  In wie fern erschwert die Besetzung der Hauptfigur Belinda mit einer Nicht-Armenierin die Identifikation mit ihr? Auch andere Rollen sind ja überwiegend mit Nicht-Armeniern besetzt, auch die Mutter und vor allem die Tante ist ja mit türkischen Schauspielerinnen besetzt. Könnte man diesen Umstand als Absicht auffassen, dass man meinen könnte, dass im Prinzip Armenier und Türken gleich und austauschbar sind und damit eine Versöhnung auf filmischer Ebene stattfindet? Wie stark waren Sie in die Regie eingebunden?

Karin Kaci:  Meinen Sie eine erschwerte Identifikationsmöglichkeit für die armenischen Zuschauer? Dann dürfen Sie nicht vergessen, dass dieser Film nicht ausschließlich für armenische Zuschauer gemacht wurde. Wir wollten nicht „die armenische Geschichte“ für „die Armenier“ erzählen, sondern eine Geschichte über das Thema Heimat, über die Sehnsucht nach Verwurzelung und die Notwendigkeit der Veränderung. Damit können sich auch Deutsche und andere Migranten identifizieren. So habe ich jedenfalls die Reaktionen des Publikums erlebt.

Was die Schauspieler im Allgemeinen betrifft: Es war keine bewusste Entscheidung, die Hauptrollen von einer Russin, von Türken und Deutschen spielen zu lassen. Es gibt in Deutschland einfach nicht genug westarmenische Schauspieler, die Türkisch sprechen und auch noch gut Deutsch. Und dabei vor allem auf die entsprechende Rolle passen! Das war ein großes Problem in der Vorbereitung dieses Films. Ich habe damit gerechnet, dass einige Armenier sich grundsätzlich daran stören werden, dass türkische Schauspieler mitspielen – die sich übrigens sehr bewusst über das Thema des Films für die Teilnahme entschieden haben. Aber dieser Film wäre nur so oder überhaupt nicht entstanden.
In die Regie war ich als Drehbuchautorin gar nicht eingebunden.

haysociety:  Sie sind ja in Köln geboren und aufgewachsen und haben in die Drehbuchhandlung auch viele autobiographische Elemente eingewoben. Was sagt die letzte Szene des Films mit dem Liebespaar vor der Kulisse des Ararat für Sie aus?

Karin Kaci:  Dass es sich um ein offenes Ende handelt. Auf der konkreten erzählerischen Ebene mögen die Geschichten abgeschlossen sein: Levon fährt nach Jahrzehnten in die verhasste Türkei zurück, zu seinem Geburtsort, den er vermisst. Arsine nimmt wahr, dass Deutschland längst ihre Heimat geworden ist. Belindas Mutter kommt endlich in Deutschland an und befreit sich aus ihrer Stagnation. Und Belinda selbst auch. Man weiß, dass sie jetzt ihren Weg gehen und ihr Leben wieder in die Hand nehmen wird, dass sie – konkreter – vermutlich ihre Heimatstadt verlassen und mit Manuel fortgehen wird. Aber auf der thematischen Ebene ist die Geschichte nicht abgeschlossen. Gerade für Diaspora-Armenier aus der Türkei ist die Suche nach den Wurzeln, die Sehnsucht nach der Heimat und die Zerrissenheit zwischen verschiedenen Kulturen ein schmerzlich offenes Thema. Genau für diese Motive steht der letzte Blick auf den Ararat – zum Greifen nah, aber eben doch nicht greifbar, weil eine unüberwindbar scheinende Grenze dazwischen liegt.

haysociety:  Vielen Dank für das Interview!

Karin Kaci:  Ich danke auch.

 

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Diaspora & Rückkehr

Es ist viel über den Begriff und die Sache „Diaspora“ gesagt worden. Anscheinend ist es so, dass man sich gerade als Mitglied der Diaspora in einem herausgehobenen Sinn mit einer gewissen Permanenz damit beschäftigt, wer man ist und wohin man gehört. Neben dieser Überlegung begegnen einem begriffliche Verwirrungen, dass neben der armenischen Diaspora auch z. B. von der türkischen Diaspora gesprochen wird. >>weiter

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