Wie viel Ideologie ist für die Phantasie nötig?
Ich möchte einige Gedanken und Gefühle schlaglichtartig zum Ausdruck bringen, die sich beim mir einstellten, nach dem ich den Film „Anduni – Fremde Heimat“ gesehen hatte, also eine Filmerfahrung.
Da ist zuerst ein deutscher Film, der sich mit dem Thema „Armenien“ künstlerisch auseinandersetzt und wurde durch die Film und Medien Stiftung NRW gefördert. Das Drehbuch ist von der Armenierin Karin Kaçı aus dem Kölner Raum.
Das sind schon für sich genommen eine ganze Menge Informationen, um den Film von seiner Bedeutung für das armenische in Deutschland zu verstehen. Unabhängig davon, ob der Film gelungen ist oder nicht, hat er viele Bedeutungen - weil das Thema selbst komplex ist - die hier auch nicht abschließend erörtert werden. Diese können weiter ausgelegt werden, am Küchentisch oder am Arbeitsplatz, gleichsam als lebendige Interpretation.
Wir kennen in Deutschland den armenischen, in Berlin lebenden Filmregisseur Don Askarian mit seinen künstlerisch ambitionierten Filmen wie Awetik. Ein armenischer Film ist also kein wirkliches Novum in Deutschland, aber doch recht selten. Im Vergleich zu anderen ethnischen Gruppen, z.B. zu Eritreern, die vielleicht von der Zahl her vergleichbar wären, sind Armenier im „kulturellen Feld“ signifikant mehr aktiv und produktiv. Das betonen wir immer wieder und sind ja auch stolz darauf, wenn wir konkret auch zur Realisierung persönlich nichts beigetragen haben – so funktioniert das Nationale, wovon man sich auch reale und imaginierte Dividenden erhofft. Für den Fall „Anduni“ ist es wohl doch noch so, dass in armenischen Kreisen für den Film geworben werden muss, um nicht eigentlich den konkreten Film zu unterstützen, sondern das Thema „Armenien“ in der deutschen Öffentlichkeit sichtbar zu machen und wenn es sich anbietet, eben besser mit einem kulturellen Produkt. Die Motive sind hier also eher „national“. Aber nicht nur: Gerade bei dem Film Anduni wird ja das Identitätsthema angesprochen, das uns alle bewegt. Also will man schon sehen, wie das brisante, weil die Armenier in der Diaspora unmittelbar angehende Thema wahrgenommen und filmisch umgesetzt wird.
Der Film hat viele nette ethnographische Details ins Geschehen eingebaut:
die im kleinen Auto zusammen gepresste Hochzeitsgesellschaft;
die laute und chaotische, aber durch die Mama – in diesem Fall die Tante - dirigierte Großfamilie;
das Kaffeesatz-Lesen und die Karamell-Epilation;
die totale Anwesenheit des türkischen Fernsehprogramms auch in armenischen Haushalten und das in Deutschland;
(Die türkischen Schauspielerinnen sprechen die armenischen Namen erstaunlich gut aus. Was bei mir allerdings Unmutsgefühle auslöst, ist der Umstand, dass die türkischen Schauspielerinnen in armenischen Rollen das Türkisch, das sie als Armenierinnen sprechen sollen zu „perfekt“ sprechen, d.h. das Türkisch ohne erkennbaren armenischen Akzent. Mittlerweile ist zwar in der Türkei der Fall eingetreten, dass so gut wie kein Armenier an seinem armenischen Akzent erkannt werden kann[1] und aber gleichzeitig das bisschen Armenisch, dass sie noch sprechen (müssen) sich sehr türkisch anhört (und vielleicht ist) und darüber hinaus die Mischehen zum Normalfall werden – Ausdruck der perfekten Assimilation oder der Selbstaufgabe, der Aufgabe jeglichen „Widerstandes“, die Vollendung des Völkermordes?);
der im Film ein paar Mal gefallene Spruch „Alman iste!“ – „Deutsche(r) eben!“, eine im Prinzip aus dem als „türkisch“ zu charakterisierenden, sozio-kulturellen Milieu stammende Weltanschauung, die die Gastarbeitermentalität gegenüber der deutschen Gesellschaft auf den Punkt bringt – eine Mentalität, die das „Deutsche“ als sowohl fremd und moralisch verwerflich als auch als kindisch, kindsköpfig-leicht ansieht und den „Deutschen“ lächerlich macht, im Glauben, ihm dadurch überlegen zu sein, um ihn – im Regelfall – über den Tisch ziehen zu können: eine wunderbare Illusion!
Der Film hätte im Grunde auch „Alman iste!“ – „Deutsche(r) eben!“ heißen können, aber er heißt „Anduni – Fremde Heimat“. Trotzdem ein sehr schöner Titel. Das Logo ist auch recht hübsch. Der Schriftzug hat Anlehnungen an das armenische Alphabet. Das „d“ in „Anduni“ ist eigentlich das Armenische „j“ oder auf den Kopf gestelltes „g/k“. Überhaupt ist das Filmplakat sehr einprägsam: im Dämmerlicht, vergilbt wie in den 70er Jahren, ein Liebespaar im Kornfeld, vor der majestätischen Kulisse von Masis/Sis. Eine Happy-End-Szene. Erst jetzt beginnt das Leben. Sicherlich hätte man als Filmmusik die armenische Anduni-Musik erwarten können; wäre vielleicht „zu dick“ aufgetragen, zu plakativ? Vieles ist im Film plakativ, karikaturesk; Einige touristische Aufnahmen von der armenischen Hauptstadt Jerewan sind zu sehen, die für den einen oder anderen Grund genug sein könnten, das Land zu besuchen. Der Republik-Platz von Jerewan sieht sehr modern und lebendig aus und ist auch attraktiv gegenüber den tristen Bildern aus dem Ruhrgebiet. Auch der „Geschlossene Markt“ ist sehr touristisch-telegen. Das Völkermord-Mahnmal wird trocken abgehackt, aber in der engen Teilsicht wird ein Tremendum erahnbar. Es wird in den ethisch-zuschreibbaren Konfliktaspekten die Rettung in der Gleichmacherei gesucht: am Familientisch muss eine ältere Verwandte die ideologische Aussage machen, dass eine bestimmte Speise Türken, Kurden und Armeniern schmeckt – das muss wohl die Hauptsache beim Essen sein. Diese Sicht ist in der Logik der Aussage, dass Liebe durch den Magen geht. Eine friedensstiftende Potenz, die leicht auch konfliktverdeckend wirkt. Nicht zuletzt schlagen Konflikte auf den Magen. Das Armenische erscheint recht eigentlich nur dann zulässig zu sein, wenn es eingerahmt ist vom Türkischen; es darf sich politisch korrekt nicht als Eigensinniges hervor tun und muss immer schon als „ein Fall“ des Menschlichen vorkommen. Das ist in gewisser Weise auch die Programmatik all der Armenierfreunde in der Türkei, die zuletzt eine Konferenz[2] in der jetzt kurdisch dominierten Stadt Diyarbakir organisierten.
Ein weiterer Fall von Plakativität und Ideologie im Film ist auch der Beruf der Mutter der Hauptdarstellerin. Sie hat als Lehrerin für Armenisch und (!) Türkisch gearbeitet. Nach meinen Kenntnissen ist diese Konstellation keine reale. Eine Armenierin hätte in der Türkei keinen Türkischunterricht erteilen können. Das war die Domäne der türkischen Lehrer, als den Aufpassern und Spitzeln des türkischen Staates – wie auch die autoritär-paranoide Einrichtung einer Position in der türkischen Hierarchie in armenischen Schulen: Der türkische Ko-Direktor, der der eigentliche Machthaber war. Darüber hinaus sprach die Mutter trotz ihres Berufes – Sprachlehrerin (das Flucht-Alibi-Studium der Tochter ist auch ein Sprachstudium) – kaum Deutsch. Diesen Umstand könnte man mit Aversion gegen das Deutsche oder totaler Gefangenschaft im Haus und das in Deutschland erklären; beides sehr unwahrscheinliche Fälle. Komplementär dazu sprach die Tochter wiederum kaum Türkisch oder gar Armenisch. Das kann ich mir auch mit unwahrscheinlichen Annahmen nicht erklären, nur aus filmdramaturgischen Gründen. Diese und andere Zugeständnisse an wohl meinende Schablonen zerstören letztendlich auch die ästhetischen Aussagen, und man muss als Zuschauer gewissermaßen das Fehlende und Falsche kompensieren. Damit fällt der Film in die Rolle eines Bedürftigen und Hilflosen.
Apropos bedürftig! Die Hauptrolle hat sehr stark diese Position eines Bedürftigen in Form einer Unbeteiligten. Eine Rolle, die aufregt und nervt. Man möchte ihr zurufen: Mach schon! Wo hast du gelebt? Was hast du gemacht? Ob diese Reaktionen vom Film intendiert waren, weiß ich nicht. Aber so könnte man den Film überinterpretierend auch als authentischen Ausdruck dieser Position auslegen, die vielleicht für die armenische Diasporasituation typisch ist.
Anduni - Fremde Heimat
Regie: Samira Radsi
Drehbuch: Karin Kaci
Länge: 91 Min.
Kinostart: 01.12.2011
[1] Kürzlich wurde eine Armenierin, die vom türkischen Taxifahrer in Istanbul an ihrem Akzent als Armenierin erkannt wurde, geschlagen und aus dem Taxi geworfen.
[2] Anscheinend muss diese akademische Form für alle eigentlich politischen Veranstaltungen als Universalform herhalten, ob sie nun der Sache entspricht oder nicht. Es wäre natürlich sehr wichtig zu erfahren, ob auch die Nicht-Experten etwas mit dieser Form anfangen können. Diese Reflexion muss anderen vorbehalten bleiben. Auch die Konferenzen der deutschen Stiftungen haben etwas Unbefriedigendes, um nicht zu sagen etwas Diskfunktionales, das die Tendenz hat, eine Herrschaft von (Pseudo-)Experten aufzubauen.
Kürzlich war die Wiedereröffnung der armenischen Kathedrale in Diyarbakir gefeiert worden. Es wird z.B. von einem Moderator, dem ambivalenten AGOS-Kolumnisten Oran, ohne moralisch-politisches Zucken die Einnahme des armenischen Kernlandes im Jahr 1071 referiert und die türkische Herrschaft als eine Selbstverständlichkeit aufoktroyiert. Alle Gesprächsleiter dieser Konferenz bis auf Mahcupyan waren Türken. Auch in der wissenschaftlich-akademischen Aufarbeitung des Völkermordes geben die Türken die Richtung an. Die Armenier (armenischen Wissenschaftler, in der Regel (im Ergebnis: unglücklicherweise) Historiker, fungieren als masochistische Ablasshelfer, weil angenommen wird, dass ein armenisches Leben in der Türkei möglich ist. Eine wahnsinnige Opferhaltung, die die armenischen Intellektuellen in der Türkei eingenommen haben. Im Völkermord geopfert für den Turan, jetzt wieder Opfer für ein ruhiges türkisches Gewissen.






Einsame Straße im Snagesur.
Der Rückzug ohne Lied.




