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Filmkritik | Anduni – Fremde Heimat

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Auf der Suche nach Identität

oder Das Wer-bin-ich-wohin-gehe-ich-Drama über einen Identitätsmythos

Genrekonventionen mal außen vorgelassen, mit „Anduni – Fremde Heimat“ wurde wieder einmal die deutsche Filmlandschaft um ein weiteres Werk zum Identitätendiskurs des Transnational Cinema erweitert.

Denkt man an „Alemanya“ (2003) von Savas Ceviz, „Almanya – Willkommen in Deutschland“ (2011) von Yasmin Samdereli oder den deutschen Exporthit „Gegen die Wand“ (2004) von Fatih Akin, so versucht sich Anduni in einen thematischen Trend einzureihen, der in der bundesdeutschen Filmförderlandschaft schon längst etabliert und ein festes, zu förderndes Filmgenre darstellt. Doch entfaltet Anduni nicht die gleiche cinematische Schlagkraft wie seine Vorgängerfilme und scheitert stattdessen kläglich an den selbst gesetzten Maßstäben der Erzählung.

Anduni erzählt die Geschichte der jungen Studentin Belinda, einer Studentin der Sprachwissenschaften und ihrer Suche nach Identität, ausgelöst durch den Tod ihres Vaters. Im Zentrum ihrer Suche stehen vor allem zwei Gegenpole, in deren Spannungsfeld sich die innere Zerrissenheit Belindas darstellt. Zum einen ist es ihre armenische Familie, zum anderen ist es ihr „deutscher“ Lebenswandel als Studentin und familien- und finanziell unabhängige Tochter. 

Belinda spricht weder Armenisch noch Türkisch und weiß so gut wie nichts über ihre Familienherkunft. Erst durch den Tod des Vaters beginnen sich die ersten Fragen nach ihrer armenischen Herkunft zu stellen und ihre armenische Familie, personalisiert durch ihre klischeehafte, überbemutternde Tante,  okkupiert den freigewordenen Raum in Belindas Leben. Sie beginnen mit ihren Moralvorstellungen über Familie, Liebe und Unabhängigkeit Belindas Leben zu bestimmen. Dies wiederum lässt sich nicht in Einklang bringen mit Belindas Lebensart, die sich besonders in der Beziehung mit ihrem Freund Manuel zeigt. Dabei hat sie bereits ein Doppelleben geführt, in dem Manuel nur als guter Freund in ihrer Familie vorgestellt werden konnte. Erst mit den, auf den Tod ihres Vaters, sich ergebenden Ereignissen schafft Belinda es nicht mehr, dieses Doppelleben zu führen und beginnt sich in dem Für und Wider zwischen armenischer Familie und deutschem Freund, von dem sich Belinda im Laufe der Erzählung mehr und mehr entfremdet,  und den Ansprüchen beider Seiten auf Anpassung, aufzureiben. Selbst ihre lethargische Mutter kann ihr da nicht weiterhelfen, genauso wenig Manuel, der Unverständnis gegenüber Belindas Zerrissenheit zeigt.

Erst mit ihrem Onkel, der im Rahmen der Dramaturgie die einzige Instanz im Film ist, die als Platzhalter den Genozid wenigstens ansatzweise thematisiert, löst sich für Belinda der entscheidende Knoten. Als neben dem Überdruck der Familie, die jetzt darauf aus ist, Belinda mit einem armenischen Mann zu verheiraten, um sie endgültig zu vereinnahmen, auch noch ihre Beziehung zu Manuel zu scheitern droht, wird sie ihrer Position als dramaturgische Hauptfigur tatsächlich das erste mal gerecht und beschließt proaktiv, mit ihrem Onkel nach Armenien zu reisen.

In Armenien angekommen, lösen sich für Belinda die gestellten Konflikte vor der malerischen und mythisch anmutenden Kulisse des Ararats. Und es erscheint ein Happy End möglich, eine Lösung für Belindas Zerrissenheit, Beziehung und Identität.

Trotz einiger verdichtender Elemente in der Dramaturgie, in denen wir Belinda in ihrer Zerrissenheit sehen, so bleibt der Gesamteindruck bestimmt von ausgeprägter Flachheit. Die ganze Dramaturgie hinweg, bis zu dem vorgegebenen Moment der Entscheidung, nach Armenien zu reisen, dümpelt der Film quasi zwischen der passiven Hauptfigur und der Klischeereiterei der „Migrantenfamilie“ dahin.

So werden wir wiederholt Zeuge von Belindas Zerrissenheit und das bis zur totalen Ermattung. Selbst der Widerstand gegen die Tante oder der Kampf um Belindas Beziehung erscheint schwach und passiv, und man nimmt es Belinda nicht wirklich ab, dass sie sich für diese Beziehung oder überhaupt für etwas interessiert, geschweige denn für die eigene Herkunft.

Zum Leidwesen der dümpelnden Dramaturgie, dümpelt so auch die zentrale Frage des Films „Wer-bin-ich-wohin-gehe-ich?“ dahin und entwickelt kein dynamisches, konfrontatives Moment. Im entscheidenden Augenblick, als Belinda nach Armenien reist, ist das Interesse, Belindas Geschichte weiterzuverfolgen, verflogen, quasi weggedümpelt.

Doch dem kritischen Zuschauer sollte sich vor allem eine Frage stellen: waren sich die Filmemacher, Regisseurin Radsi und Autorin Kaci, tatsächlich bewusst, was für eine Geschichte sie erzählen wollten? Ist es die Geschichte einer in Deutschland wurzelnden „Gastarbeiterfamilie“ oder die Erzählung eines Generationenkonflikts einer armenischen Diasporafamilie?

Sollte das letztere beabsichtigt gewesen sein, so bleibt nur die Suche nach Belindas Identität, die einzig tragende und leider auch kläglich erzählte Storyline, ohne tatsächlich das volle Potential eines solchen Themas auszuschöpfen. Abgesehen von Klischeereitereien bleib die Figur „Belinda“ flach und wenig komplex. So haben bereits andere Filme, wie z.B. „My Big Fat Greek Wedding“, die sich der Komödie als Genre bedienen, um Diasporageschichten zu erzählen und ausgerechnet aus der Traumfabrik Hollywood stammen, tiefgründigere Familienaufstellungen und Generationskonflikte  von Diaspora Communities erzählt.

Anduni hat leider sein Ziel verfehlt und bleibt in dem von Klischees überladenen Auf-der-Suche-nach-wer-bin-ich-wohin-gehe-ich-Filmthema verhaftet.

Vielleicht hat sich die Welt seit „Gegen die Wand“ weitergedreht und die Frage nach dem ewig Suchenden stellt sich filmisch vielleicht nur noch bedingt.

 

Anduni - Fremde Heimat
Regie: Samira Radsi
Drehbuch: Karin Kaci
Länge: 91 Min.
Kinostart: 01.12.2011

www.anduni.de

 

 

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Es ist viel über den Begriff und die Sache „Diaspora“ gesagt worden. Anscheinend ist es so, dass man sich gerade als Mitglied der Diaspora in einem herausgehobenen Sinn mit einer gewissen Permanenz damit beschäftigt, wer man ist und wohin man gehört. Neben dieser Überlegung begegnen einem begriffliche Verwirrungen, dass neben der armenischen Diaspora auch z. B. von der türkischen Diaspora gesprochen wird. >>weiter

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