StartAktuelle AusgabeKunst & KulturDer Kater Bismarck und ein Tag im Dezember 1991

Der Kater Bismarck und ein Tag im Dezember 1991

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Eine Annäherung an die armenische Filmemacherin Nune Hovhannisyan

Nune Hovhannisyan mit TaubennestEin Film flattert an der Wand im verdunkelten Raum. Sie zeigt uns eine Stadt. Die Stadt liegt traurig und kalt, mal hell und mal dunkel, mal schwarz mal weiß. Der Film fesselt die Zuschauer und macht neugierig auf die nächste Begegnung, gleich um die Ecke. Die Kamera bewegt sich, mal in leisen Schritten und mal in schnellen Schritten. Eine Trauer liegt über der Stadt. Die Stadt aber selbst liegt nicht, sie bewegt sich. Sie ist nicht ruhig und hat Töne, mal leise und mal laut, wie die Räder einer alten Lokomotive, die immerwährend Kreise um sich zieht und Geräusche von sich gibt, aus ihrem alten, schwer beweglichen Körper. Es ist der 24. Dezember 1991 in Jerewan.

Nune Hovhannisyan läuft in der Stadt, um die Bilder einer Stadt in Bewegung aufzunehmen, zu fixieren und in ihre Kamera zu sperren. Ein Stück Gegenwart und ein Stück Geschichte. Zeitzeugnisse der armenischen Wirklichkeit. Ohne Schönheit, ohne Farbe, ohne Botox. Sie hat den Film "Heute" (Այսօր, Aysor) genannt. Heute und jetzt und ein Stück Gegenwart in einem kurzen Zeitsegment. Es ist die Zeit der Blockade, sie nimmt mit ihrer Kamera die Menschen, die Tiere, die Atmosphäre in einer Stadt ohne Licht, ohne Hoffnung, ohne Zukunft auf. Es ist Heiligabend im Westen, im Osten eine Woche vor Jahresende.

Zwischen meinen Füßen stolziert ein Kater, nicht irgend einer, ein wunderschöner sibirischer Kater, der seine zweite Reise angetreten ist. Von Sibiriern nach Armenien, von Armenien nach Deutschland. Er dreht seine Runden um das Charlottenburger Schloss, um danach sich selbst zu zeigen. Schaut mich an, nur mich allein. Der Showdown kann beginnen auf dem Balkon. Nune Hovhannisyan schmunzelt und erzählt. Als sie vorhatte nach Berlin umzusiedeln, hatte man sie in Armenien vorgewarnt: Sie würde für den Kater keine Einreiseerlaubnis erhalten, wenn sie ihn auch Otto von Bismarck genannt habe. „Warum sollten die Deutschen einem wunderbaren Kater die Einreise verweigern“, hat sie gekontert. „Er ist ein wunderbarer Kater mit einem wunderbaren Namen.“

Nune Hovhannisyan ist in Berlin angekommen. „Ich drehe mich nicht zurück“, betont sie. „Ich blicke nicht zurück - meine Erinnerungen sind für mich weitere Entwicklungen, ich möchte nicht zurückblicken und nostalgisch wirken oder eine Retrospektive aus meinem Leben machen. Das Handwerk wie auch die Perspektiven habe ich von meinem Vater gelernt. Er war meine inspirierende Aura und das Zusammenleben mit ihm war ein großer Lernprozess. Er hat meine Wahrnehmung seit meiner frühesten Kindheit geschärft. Ich führe einen fortwährenden Dialog mit meinem Vater bis heute, mit meiner großen Liebe.“

Ihre Familie gehört zu der Bildungs- und Kulturelite des Landes. Sie ist die Tochter des armenischen Filmemachers Bagrat Hovhannisyan, der nicht wollte, dass ihre Tochter einen Frauen fremden Raum betritt. Sie hat trotz aller Umwege und Hindernisse ihre Berufung gefunden, und sie ist Filmemacherin geworden, nach dem Tod ihres Vaters. Sie entschuldigt sich, als wir uns für ein Gespräch treffen. Sie kann nicht gut Armenisch. Im Russischen ist sie eher zu Hause, kann ihre Gefühle und Gedanken besser ausdrücken. Ich soll es nicht falsch verstehen, sie verdanke der russischen Sprache viel, den Zugang zur Literatur und die Öffnung anderer Welten, um z.B. Wilhelm Faulkner lesen zu können. Sie erzählt von ihrer Familie, von ihrem Großvater, die Jahre unter Stalin und das Schweigen, ihre Liebe zum Film und zu Armenien.

Wir sitzen zusammen auf dem Sofa und trinken Tee. Unsere Söhne spielen am Computer. Zwischendurch verschwinden sie und kommen wieder zurück. Wir lehnen uns zurück und bewundern Otto von Bismarck. Er verfolgt unsere Blicke, legt sich unter unsere Füßen, um gestreichelt zu werden. Nune erzählt über ihre Liebe zu Katzen und Hunden und die baldige Ankunft ihres Hundes aus Armenien. „Ich liebe Hunde und Katzen“, sagt sie. „Ich kann ohne sie nicht sein.“

Sie war 10 Jahre alt, als ihre Mutter starb. Ihr Vater zog sie groß, mit dem Großvater zusammen und sie betont immer wieder, wie sie diese beiden Männer liebt. Ihrem Vater, dem Lehrmeister, erzählt sie, als sie 13 Jahre alt ist, dass sie davon träumt, eines Tages eine Filmemacherin zu werden. Ihr Vater ist dagegen. Er meint, er kenne keine berühmten Frauen als Filmemacherin und am Set seien alle frauenfeindlich. Er kannte die Branche, die Sowjetunion und die begrenzten Möglichkeit, ein unabhängiges Kino zu machen. „Mein Vater durfte nur vier Filme machen“, sagt Nune Hovhannisyan wehmütig. „Immer mit einer Pause von sieben Jahren. Er wusste von den Schwierigkeiten und glaubte nicht, dass ich stark genug bin dagegen zu wirken.“

Jerewan, ihren Geburtsort, hat sie nie gemocht, er war für sie immer zu groß, zu schmutzig und zu laut. „Wenn ich die Stadt hinter mir ließ, fühlte ich mich in meinem Element mit der Natur, in der Natur, in den Bergen, außerhalb der Stadt.“ In Jerewan war sie nie zu Hause. Die Stadt könnte ihre Sehnsucht nach der Natur nicht ersetzen. Die Stadt blieb eine Fremde für sie und sie blieb eine Fremde in dieser Stadt. Schon als Kind hat sie ihre Sommerferien auf dem Lande genossen, ihre Kusinen wollten nach zwei Tagen wieder zurück nach Jerewan. Sie aber wollte auf dem Lande bleiben, mit den Tieren zusammen. „Ich liebe Armenien, nicht Jerewan, schmutzig, laut, hässlich.“ Die Schönheit ihrer Heimat beginnt für sie, auf der Landstraße hinter der Stadt.

Nun ist sie hier, in ihrem neu gewählten Wohnort, in Berlin. Sie ist jeden Tag in der Stadt unterwegs, erkundet und schaut und lernt, beobachtet und macht Pläne, wie ihr Kater Otto von Bismarck. Sie erzählt von Begegnungen und erkundet jeden Tag ein Stück mehr von der Stadt. Eines Tages, auf der Rückfahrt von Potsdam, hatte sie einem russischen Paar gelauscht, das sich die ganze Zeit über die Menschen in ihrem Zugabteil beschwerten, sie verurteilten und herabsetzten. Es war alles schlecht, schlechte Menschen, sahen schlecht aus und hatten schlechte Kleider. „Da musste ich mich zurückhalten, um nicht zu sagen: ‚Dann fahrt doch zurück nach Russland!’ Sie sind hier angekommen und frei, aber die Gedanken und die Seele sind nicht in der Freiheit angekommen.“

Mit der Migration wurden Erinnerungen retuschiert und bekamen eine andere Wirklichkeit. „Ich erinnerte mich an einen Satz: Je älter ich werde, desto mehr glaube ich, Sachen gemacht zu haben und frage mich, ob ich sie wirklich gemacht habe. Der Glaube, dass ich sie gemacht habe, wird zur Wahrheit, je älter ich werde.“

Ihr Großvater mütterlicherseits war von 1947 bis 1952 der Erste Sekretär der Armenischen Sowjetrepublik, Sahak Karapetyan. Sie stammt nicht nur von der Bildungselite ab, sie gehört auch zur politischen Elite des Landes. Ihr Großvater wurde Opfer der stalinistischen „Säuberungsaktionen“ auf Betreiben von Lawrenti Beria. Große Namen, große Geschichte. Sie beschreibt ihren Großvater als fremd und distanziert, auch gegenüber den Kindern. Bis heute ist sie traurig, dass sie als Kind ein distanziertes Verhältnis zu ihm hatte und es keine Zeit für Fragen blieb. Sie hätte ihn soviel fragen können. Sie hätte von ihm so sehr gewünscht, über Stalin mehr zu erfahren. Als sie einmal Stalin in Anwesenheit ihres Großvaters kritisierte, ermahnte er sie und sagte: „Er war ein kluger man, verurteile ihn nicht!“ Es war ein Jugendprotest von ihr: „Heute würde ich gerne andere Fragen stellen und mich anderes mit dem Thema auseinandersetzen.“

Otto von Bismarck versucht in Berlin heimisch zu werden, wie Nune, zum ersten Mal in einer Stadt, Autos und fremde Geräusche und Gerüche. Einmal ist er sogar abgehauen, um in der Nacht seine Runden zu machen, um alleine unterwegs zu sein. Nächsten Morgen fand sie ihn zitternd unter einem Auto, verängstigt.

Als ich mich von Nune Hovhanissyan verabschiede, sagte sie: „Ich war immer frei und mich hat nie interessiert, was die anderen Leute denken und machen. Meine Seele war und ist immer frei.“

Die Filme von Nune Hovhanissyan sind melancholisch und traurig, sie verlangt von den Zuschauern kein Mitgefühl, sondern fordert zum Nachzudenken auf. Man wird auf weitere Bilder neugierig sein, die sie für uns, die Zuschauer, auffängt. Hinter ihren Filmen und hinter ihrer Kamera steht eine starke Frau und sie macht uns sensibel, erobert unsere Augen und unsere Sinne.

Liebe Nune, mach uns weiterhin neugierig und überrasche uns mit weiteren Filmen, wir warten und willkommen in Berlin.


Foto © PrivatNune Hovhannisyan wurde 1963 in Jerewan geboren. Sie absolvierte die Jerewaner Staatliche Universität. Sie lebt und arbeitet als Filmproduzentin und Filmemacherin in Berlin, u.a. drehte sie 1991 den Dokumentarfilm „Heute“ (Այսօր). Nune Hovhannisyan wirkte u.a. als Produzentin an Filmen des in Berlin lebenden Filmemachers Don Askarian, wie beim 1998 gedrehten Film über den berühmten armenischen Filmemacher Paradjanov in Koproduktion mit ARTE und ZDF. Seit 2007 ist sie u.a. als künstlerische Beraterin der Filmprojekte der armenischen Umweltorganisation „Foundation for the Preservation of Wild Life and Cultural Assets“ (FPWC) und der mit dieser verbundenen „Sunchild Eco clubs films“ tätig.

Hune Hovhannisyans Videoseiten: http://vimeo.com/moviesbydonaskarian

Homepage von Don Askarian: www.don-askarian.am

Fotos © Nune Hovhannisyan

 

 

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Es ist viel über den Begriff und die Sache „Diaspora“ gesagt worden. Anscheinend ist es so, dass man sich gerade als Mitglied der Diaspora in einem herausgehobenen Sinn mit einer gewissen Permanenz damit beschäftigt, wer man ist und wohin man gehört. Neben dieser Überlegung begegnen einem begriffliche Verwirrungen, dass neben der armenischen Diaspora auch z. B. von der türkischen Diaspora gesprochen wird. >>weiter

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