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| Die Steine werden aufschreien |
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Kinder in Varaknavank. Identität zwischen Naturhaftigkeit der Steine und Lebenspraxis. Foto © Muriel Mirak-WeissbachMitte Juni kam es bei einer Ausstellung der UNESCO in Paris zu einem Skandal. Die Ausstellung zeigte Bilder traditioneller Steinkreuze der armenischen Kirchenkunst, bekannt als Khachkars. Die einzigartigen Skulpturen und Reliefs waren im November 2010 in die repräsentative Liste des unantastbaren Kulturerbes der Menschheit aufgenommen worden[1]. Die Ausstellung stand unter der Schirmherrschaft des Kultusministeriums der armenischen Republik und war in Anwesenheit zahlreicher Diplomaten, Künstler, Historiker und Kirchenvertretern eröffnet worden. Sie hätte eine Anerkennung und Wertschätzung der Khachkar-Tradition werden können, wenn nicht die UNESCO in letzter Minute die Ortsnamen unter den Fotografien gelöscht hätte, wo sich die Khachkars befinden. Nicht nur wurden die Namen der Fundstellen ausgelöscht, sondern auch eine große Landkarte des Historischen Armeniens entfernt, auf der die Fundstellen verzeichnet waren.
Das Argument: Da sich die Khachkars nicht alle auf dem Boden der Republik Armenien befänden, sondern auch im heutigen Aserbaidschan und der Türkei, sei es besser, darüber zu schweigen.
Aber das Schweigen konnte nicht halten: “Die Steine werden aufschreien”, und das taten sie. Vertreter der Organisation Collectif VAN (Vigilance Armenienne contre le Negationnisme), die bei der Eröffnung anwesend waren, protestierten in einem offenen Brief an die Generaldirektorin der UNESCO Irina Bokova[2]. In dem Brief argumentierten sie, dass es nicht nur gegen die akademische Pflicht verstoße, die Fundstellen von Kunstwerken wie die der Ausstellung zu identifizieren, sondern dass die Aussteller sich durch die Entfernung der Fundorte auch einer unakzeptablen, Geschichtsfälschung mitschuldig machten. Mit der Beseitigung der Namen der Fundorte werde die historische Präsenz der armenischen Bevölkerung und Zivilisation in dieser Großregion vertuscht.
Reisende durch Ostanatolien und das heutige Aserbaidschan werden immer noch auf Khachkars an ihren ursprünglichen Orten stoßen, obwohl Tausende bewusst zerstört wurden, und werden so die richtigen historischen Schlüsse ziehen können[3]. Neben den wunderschönen Steinkreuzen gibt es einen Schatz an religiösen Denkmälern, seien es Kapellen, Kirchen, Kathedralen oder Klöster, die überall in dieser Region von der physischen und geistigen Gegenwart der christlichen Armenier seit dem 4. Jahrhundert Zeugnis ablegen. Der italienische Kunsthistoriker Adriano Alpago Novello hat diese religiöse Kunst als integralen Bestandteil der armenischen Identität ausgemacht. “Das beharrliche Festhalten der Armenier an der christlichen Religion,” so schrieb er, “wie es Tausende von Kreuzen, die überall und zu jeder Gelegenheit gemeißelt und aufgestellt wurden, und die außergewöhnliche Dichte von kostbaren Sakralbauten belegen, war nicht nur eine Frage der Religion, sondern ein Wesensmerkmal der ureigensten Identität und ein Symbol ihres physischen Überlebens.”[4]
Und dennoch wird diese allgegenwärtige Realität immer noch geleugnet und in ein völlig falsches Licht gestellt. Mein Bruder, mein Ehemann und ich haben das während einer Reise durch Ostanatolien im Mai 2011 erfahren können. Statt geschichtlicher Aufklärung stießen wir regelmäßig auf eklatante und dreiste Formen der Geschichtsfälschung, gerade an Orten und ihrer Umgebung, die für die Geschichte der Armenier von großer Bedeutung sind. Historische Ereignisse und ihre Zeugnisse wurden totgeschwiegen, in etwas Anderes verwandelt oder oftmals auch ins Gegenteil verkehrt.
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Einsame Straße im Snagesur.
Der Rückzug ohne Lied.




