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Eurovision - Gesangsdiplomatie oder Boykott

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Emmy beim Armenischen Kulturverein in Hessen. Foto: © skaMan kann mit Sicherheit davon aus, dass der Eurovision Song Contest wichtig ist und immer wichtiger wird für  die Musik- und Unterhaltungsindustrie, aber auch für die Strategie der teilnehmenden „europäischen Nationen“, ihre eigene Kultur im globalen Aufmerksamkeitswettbewerb ins günstige Licht zu setzen, sei es für touristische Werbekampagnen und Investoren oder für konkrete (geo-) politische Strategien. Wie viel es bei diesem Großereignis auf (populäre) Musik/Kultur und wie viel auf Interessenpolitik und Einfluss ankommt, kann man sehr schön an konkreten Votings beobachten.

Dieses Jahr hatte Armenien keine Fortune mit der Sängerin Emmy und ihrem Song „Boom, Boom“. Bereits in der Vorrunde wurde sie ausgeschieden. Die modifizierte Vorrundenregelung hatte Armenien in eine ungünstige Konstellation gebracht. Deutschland hat für Armenien nicht abstimmen können, aber die Schweiz, aus der allerdings keine einzige Stimme für Emmy abgegeben wurde. Hätte Armenien auch eine Stimme aus der Schweiz erhalten, die eine aktive armenische Gemeinde hat, wäre Armenien im Finale gewesen. Im Vorfeld wurde kolportiert, dass die Nominierung von Emmy und vom als primitiv empfundenen Song „Boom, Boom“ bei der „armenischen Diaspora“ keine Zustimmung erhielt.

Das Ergebnis für Aserbaidschan: Sieg. Ein Volk mit „Siegerkultur“, so die eigene Selbstheroisierung des Regimes. Dass das Regime konsequent ein Ziel verfolgt hat, ohne dabei Kosten zu scheuen, hatte sich bereits angekündigt, als das Land noch gar nicht am ESC teilnahm. Die Flaggen von Aserbaidschan waren, für die TV-Kameras gut positioniert, in dem Austragungssaal des Wettbewerbs, bei dem Armenien zum ersten Mal teilnahm, deutlich zu sehen. Eine aggressive Ankündigung, die auch nicht vor dem Geheimdienstverhör zurückschreckt, als es darum ging, die für den armenischen Beitrag abstimmenden Landsleute als Vaterlandsverrätern zu kriminalisieren. Die kleine türkische Flagge, mit der die aserbaidschanische Sängerin auf die Bühne stürmte, nach dem sie zur Siegern des Abends wurden, bleibt ein Geheimnis, das Stoff genug hätte, um weiter gesponnen zu werden.

Das Regime der Erdöl-Diktatur hatte die Feasibility des ESC durch hoch bezahlte westliche PR-Agenturen und Pop-Produzenten kalkuliert und den Business Plan erfolgreich umgesetzt: Was kostet die Welt? Wir haben‘s ja! Die Austragung in Baku ist denn auch Sache der First Lady.

Wird der ESC 2012 in Baku ausgetragen? Wie wird das armenische Fernsehen, das den armenischen Part des ESC organisiert, sich verhalten? Boykott einer Diktatur, wie einst Boykott der Olympiade in Moskau? Die ESC-Organisatoren haben vorsorglich politically correct verlautbart, dass Politik und Musik nichts miteinander zutun haben und dass sie „nur“ mit dem aserbaidschanischen Staatsfernsehen (sic!) verhandeln. Wer darf den Part des Unterbelichteten übernehmen?

Dass das aserbaidschanische Regime das Großereignis propagandistisch ausschlachten wird und das zu Ungunsten von Armenien und Arzach, steht außer Frage. Von daher ist der nächste ESC eminent politisch wichtig. Es ist durchgesickert, dass Armenien bereits seine Absage ausgesprochen hat. Die Frage ist, ob andere Länder mitziehen und das diktatorische Regime boykottieren werden. Wird Armenien die europäische Öffentlichkeit dafür mobilisieren können? Denn erst dann wäre der armenische Boykott ein produktiver und effektiver. Eventuell ist aber die Entscheidung Armeniens, in Baku nicht teilzunehmen, ein Bärendienst für Aserbaidschan, das die Sicherheit auch der armenischen Teilnehmer garantieren muss. Dadurch wird die Diktatur vom Entscheidungszwang befreit und kann sich als weltoffen präsentieren und Armenien als notorischen Spielverderber abstempeln.

Mit Sicherheit werden wir keinen arabischen Demokratiefrühling in Aserbaidschan erleben, das keine nennenswerte demokratische Opposition hat, die das Großereignis für ihre politischen Ziele als Aufmerksamkeitsbühne nutzen könnte, um das Regime zu schwächen oder gar zu stürzen. Aber gerade die demokratisch gesinnten Aserbaidschaner im In- und Ausland müssten den möglichen ESC in Baku zum Anlass nehmen, ihre politischen Aktivitäten zu erhöhen und sich Verbündete in Europa zu suchen. Zurzeit sieht alles nicht danach aus.

An Wunder mag man nicht glauben. Mit der Türkei kam die trügerische „Fußballdiplomatie“ ins Spiel, mit Aserbaidschan wird man nicht auf eine „Gesangsdiplomatie“ bauen können. Wenn es auch eine Sehnsucht ist, dass Musik Menschen verbinden möge, wird man damit nicht der politischen Dimension gerecht.

Den aserbaidschanischen Erfolg könnte Armenien allerdings überbieten, wenn der armenische ESC-Beitrag in Baku siegen würde. Welche Auswirkungen der armenische Erfolg hätte, wäre vorerst sekundär.


Medienreaktionen: FAZ, Armens Blog

 

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