Armenische Hebamme Gajane Martirosjan. Foto: © skaDie Integrationsdebatte in Deutschland hat eine neue Wendung erfahren, nach dem die deutsche Wirtschaft einen Fachkräftemangel gemeldet hat. Früher hatte man noch ausgerufen: „Kinder statt Inder!“ Heute ruft man: „Inder, weil keine Kinder!“ Der Ruf sowohl nach Indern als auch nach Kindern spricht in beiden Fällen deutlich, dass es sich hierbei um Instrumentalisierung handelt. Jetzt sollen qualifizierte Fachkräfte nach Deutschland kommen.
Nach dem Gajane Martirosjan 1993 ihre Ausbildung abschloss und ein halbes Jahr in Jerewan in einem Krankenhaus gearbeitet hatte, kam sie mit 20 Jahren nach Deutschland. „Wenn ich hier die Lehrbücher aufmache, dann weiß ich, worum es geht. In Deutschland ist der Lernstoff praktisch orientiert. In Armenien war er eher trocken.“ Die Lerninhalte sind vergleichbar. Es werden auch die selben lateinischen Termini verwendet.
Deutschland hatte für die gute Hebammenausbildung in Armenien keinen Cent ausgegeben und müsste eigentlich froh sein, eine qualifizierte, junge und motivierte Person in diesem Land zu haben. Gajane Martirosjan brauchte viele Dokumente, die in Armenien nicht leicht zu bekommen waren. Es blieb aber trotzdem offen, ob sie jemals als Hebamme arbeiten durfte. Gajane Martirosian war es aber Leid. „Ich verliere meine Zeit. Jetzt muss ich was anderes lernen.“ Sie begann eine Umschulung zur Groß- und Außenhandelskauffrau. Als sie das Prüfungszeugnis in der Hand hielt, meldet sich das Regierungspräsidium mit dem Vorschlag, dass sie ihre Hebammenausbildung anerkennen würden, wenn sie ein halbes Jahr ein unentgeltliches Praktikum absolvieren würde und eine Empfehlung eines Arztes bekäme. „Ich sollte praktisch zeigen, was ich kann.“ Sie nimmt das Angebot an und macht ihre Sache zur vollsten Zufriedenheit und darf als Hebamme arbeiten.
In Armenien ist die Rolle der Hebamme anders. Ihr ist immer auch ein Arzt beigestellt. Es gibt dort kein System der Hausgeburten, wie in Deutschland. Alle Geburten werden mittlerweile in Kliniken vorgenommen. „Das war auch für mich der Punkt, zu sagen: Ich muss die Arbeit hier erst praktisch kennen lernen.“
Als Gajane Martirosjan 1995 die Anerkennung ihres Hebammenabschlusses anstrebte, war Deutschland noch lange nicht soweit, die qualifizierte Hebamme aus der Republik Armenien auch als solche anzusehen.
Nach vielen persönlichen Bewerbungen findet Gajane Martirosjan zwar Arbeit. Die Anstellungen sind aber befristet. Die armenische Freundin Arewik, die als Hebamme in Lippstadt arbeitet, macht ihr Mut, sich selbständig zu machen. Ein Existenzgründungstraining und Coachings, die von der Arbeitsagentur finanziert werden, machen sie fit für die Selbständigkeit. Dabei kommen ihr die Kenntnisse aus ihrer Ausbildung zur Kauffrau sehr zugute. Eine große Unterstützung war und ist die Familie. Für die wichtige Gründungsphase erhielt sie einen Gründungszuschuss von der Arbeitsagentur und für die Anfangsinvestitionen wurde ihr vom Jobcenter ein zinsloses Darlehen gewährt. Der Arzt, in dessen Praxis sie eine Schwangerenberatung anbietet, bot ihr an, als Beleghebamme zu arbeiten. Diese große Verantwortung kann sie noch nicht übernehmen, da es vor allem zeitlich eine große Verpflichtung bedeutet. Gleichzeitig ist sie auf Honorarbasis auch Dozentin in der Pflegeschule. Sie sucht deshalb nach einer Hebamme, mit der sie zusammen arbeiten und später eventuell gemeinsam eine Praxis eröffnen kann.
Gajane Martirosjan hat viele Schwangere aus unterschiedlichen Ländern. Besonders viele sind russischsprachig. Es kommt ihr zugute, dass sie Russisch kann. Auch einige armenische Frauen waren bei ihr. „Ich toleriere alle. Ich freue mich, wenn ich armenische Patienten habe, weil ich dann endlich Armenisch sprechen kann.“ Einmal fragte ein türkischer Ehemann, ob sie sich sicher sei, dass sie auch bei ihnen zuhause die Betreuung machen werde. Sie entgegnet mit dem professionellen Habitus: „Ja, natürlich. Wo ist das Problem!“ Die Ehefrau war russischsprachig und wollte die professionelle Begleitung. „Ich möchte mich nicht ins Politische reinziehen lasen. Ich habe türkische Patienten, die so nett sind. Das muss man trennen.“
Es gibt in Armenien keine Geburtsvorbereitung und die professionelle Betreuung nach der Geburt fehl auch. Die Männer dürfen bis heute nicht in den Kreissaal. „Frauen gehen zur Geburt und Männer bleiben einfach draußen.“ In Privatkliniken ist mittlerweile eine andere Praxis gängig. „Ich sehe aber auch hier, dass Frauen nicht wissen, dass sie auch nach der Geburt einen Anspruch auf eine Hebamme haben. Das ist meine Erfahrung in der Arztpraxis.“
Was hindert Gajane Martirosjan daran, in Armenien zu leben und zu arbeiten?
Gajane Martirosjan ist auch ein aktives Mitglied im Verein armenischer Mediziner in Deutschland. Der Verein organisiert den Transfer von Medizintechnik nach Armenien, die in Deutschland steuerlich abgeschrieben ist. Eine Kooperation auf der Ebene des Wissenstransfers in das armenische Gesundheitssystem oder für Aus- und Fortbildungsmaßnahmen findet allerdings nicht statt. Auf der Vollversammlung des Medizinervereins, der kürzlich mit dem armenischen Hilfswerk H.O.M. einen Jubiläums-Galaabend veranstaltete, sprach ein Gast-Professor aus Armenien über die Situation der Gesundheitsversorgung und das Gesundheitssystem, das noch einen weiten Weg vor sich hat.
Was hindert Gajane Martirosjan daran, in Armenien zu leben und zu arbeiten? „Ich habe nicht die Möglichkeit, als selbständige Hebamme zu arbeiten.“ Wenn sie auch wegen ihrer deutschen Erfahrungen gute Chancen hätte, einen Arbeitsplatz zu bekommen, ist das noch Zukunftsmusik. „Wenn sich das System ändert, dann würde ich gern dort arbeiten. Mein nächstes Ziel ist aber, eine Hebammenpraxis zu eröffnen.“
Gajane Martirosjan war für den hessischen Gründerpreis 2010 nominiert, da sie als Gründerin mit Migrationshintergrund eine besondere Leistung vorzuweisen hat. Dieses Jahr hat es zwar zum Preis nicht gereicht, aber nächstes Jahr ist sie wieder dabei.
Gajane Martirosjans Homepage:
Foto: © privat






Einsame Straße im Snagesur.
Der Rückzug ohne Lied.




