Als erster Türke wird der Schriftsteller und Meschenrechtsaktivist Dogan Akhanli eine Gedenkrede zum Völkermord an den Armeniern in der Paulskirche halten. HAYsociety führte ein Interview mit dem Schriftsteller.
HAYsociety: Sie sind der erste Türke, der bei der zentralen Gedenkveranstaltung in der Pauskirche eine Gedenkrede halten wird. Die Bedeutung dieser Tatsache können wir noch gar nicht richtig ermessen. Als Schriftsteller und Meschenrechtsaktivist sind Sie im besonderen Maße mit den Wertsphären Wahrheit und Gerechtigkeit vertraut. Was haben Sie an Ihrer türkischen Lebensgeschichte gebrochen?
Dogan Akhanli: Ich wusste nicht, dass ich der erste Türke bin, der bei der zentralen Gedenkveranstaltung in der Pauskirche eine Gedenkrede halten wird. Ich bin den Angehörigen der Überlebensgemeinschaften des Völkermordes von 1915 dankbar, dass sie mir erlauben, bei der zentralen Gedenkveranstaltung eine Rede halten zu dürfen. Das ist eine große Ehre und gleichzeitig eine große Verantwortung für mich.
Ich kam 1992 als Flüchtling nach Köln – mit der Erfahrung von staatlicher Gewalt. Ich begann in Köln, mich mit meiner persönlichen Geschichte auseinander zu setzen. Mir ist schnell bewusst geworden, dass ich nicht das einzige Opfer des Staatsterrors war. In der Vergangenheit des Landes, in dem ich geboren wurde, gibt es viele Opfer und viele Verbrechen. Das größte, welches in den Jahren 1915-16 geschah und das man 30 Jahre später Genozid an den Armeniern nennen sollte, wird bis heute von der türkischen Seite beharrlich verleugnet. Im Laufe der Zeit habe ich wahrgenommen, wie unterschiedlich die Türkei und Deutschland mit ihrer eigenen Geschichte umgehen. Abgesehen von gesellschaftlicher Annerkennung des Holocausts in Deutschland und Leugnung des Genozids an den Armeniern in der Türkei redet man hier über die Opfer und die Überlebenden des Völkermordes respektvoller. Die Gesellschaft hier ist sensibeler gegenüber Minderheiten und Einwanderern.
HAYsociety: Sie sind Initiator der Raphael-Lemkin-Bibliothek in Köln und arbeiten beim Verein „Recherche International“, der sich mit der Aufarbeitung von genozidalen Gewalterfahrungen befasst. Hat die in Deutschland aufwachende türkisch-stämmige Generation einen Zugang zu Ihren Projekten, und konnten Sie die Erfahrung machen, dass sie mit der eigenen Geschichte kritisch umgeht und die Elterngeneration herausfordert?
Dogan Akhanli: Trotz seiner Vergangenheit hat sich Deutschland durch die Aufarbeitung seiner Geschichte geändert, wie es sich Walter Benjamin einmal vorgestellt hatte. Deshalb wurde Deutschland, global, eines der sichersten Länder für Einwanderer und Minderheiten im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Im Gegensatz hierzu kommen aus der Türkei ständig unangenehme Nachrichten über Gewalt nicht nur gegen die nichtmuslimischen Minderheiten, sondern auch gegen die Kurden. Erst der Abstand zu den Tätern und die Solidarisierung mit den Opfern und den Überlebenden ermöglicht, die Geschichte auch als Beziehungsgeschichte zu vermitteln und aufzuarbeiten. Bei den türkisch- und deutschsprachigen Führungen sowie den historisch-interkulturellen Studienreisen nach Berlin, die seit 2004 regelmäßig stattfinden, wird dies immer wieder erprobt. In der Veranstaltungsreihe der Raffael-Lemkin-Bibliothek in Köln - dem Schöpfer des Begriffes „Genozid“ und Verfasser der UN-Völkermordkonvention - die sich mit Gewalterfahrungen in zahlreichen anderen Ländern befasst, hat sich auch mit dem gemischtethnischen Publikum eine nachhaltige Auseinandersetzung über Gewalt und Versöhnung ergeben. Es geht bis heute sowohl darum, wie die NS-Vergangenheit in der BRD aufgearbeitet wird, als auch, wie Einwanderer von der NS-Geschichte und ihrer Aufarbeitung berührt werden. Es hat sich in den zurückliegenden elf Jahren gezeigt, dass ein wechselseitiger Lernprozess über die Gewaltgeschichte in Deutschland und in der Türkei in Gang gekommen ist, der zwischen den erlittenen bzw. verübten Genoziden vergleicht, ohne zu relativieren.
HAYsociety: Es gab eine türkische zivilgesellschaftliche Entschuldigungskampagne im Internet, die – neben der schwachen Unterstützung - wegen ihres taktischen Charakters kritisiert wurde und nicht wirklich ein Versöhnungszeichen setzen konnte. Sind die zivilgesellschaftlichen Dialog-Initiativen logisch vorrangig und könnten sie den nötigen nachhaltigen Druck aufbauen, damit der türkische Staat den Völkermord anerkennt? Warum gab und gibt es in der türkischen Gesellschaft keinen Massenaufstand wie zurzeit in der arabischen Welt?
Dogan Akhanli: Obwohl die Entschuldigungskampagne ein Abstand zum Völkermord von 1915 bedeutete, habe ich den Inhalt des Aufrufes als schwach und problematisch gefunden. Armenier, egal ob sie in der heutigen Türkei, in der Diaspora oder in Armenien leben, können das Verbrechen von 1915 nennen, wie sie wollen. Wenn aber eine hartnäckige Genozidleugnung im Raum weiter besteht, dürfen die Angehörigen der Tätergesellschaft nicht auf das Wort „Genozid“ verzichten. Das ist für mich Relativierung des Genozides von 1915.
Nach der Ermordung Hrant Dink protestierten Tausende Menschen am Abend des 19. Januar bei spontanen Kundgebungen in Istanbul und Ankara. Hunderttausende Menschen begleiteten den acht Kilometer langen Trauerzug mit dem Sarg Hrant Dinks. Für mich war das eine Art des Massenaufstandes gegen das Unrecht. Das war ein Wendepunk in der türkischen Lügengeschichte. Die Genozidleugnung funktionierte danach nicht mehr richtig – sie hatte sich einfach erschöpft. Der türkische Staat kann die zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Genozid an den Armeniern“ in der Türkei und im Ausland nicht mehr stoppen.
HAYsociety: Nach Ihrer Entlassung aus dem türkischen Gefängnis hatten Sie in einem Interview gesagt, dass Sie kein Türkisch mehr reden und hören wollen, weil – wie man schließen konnte – sich darin eine ganze Kultur der Gewalt ausdrückt. Für einen Schriftsteller ist das mit das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Können Sie sich eine Rückkehr in die Türkei vorstellen und sich mit der Türkei versöhnen?
Dogan Akhanli: Wie ich damals gegenüber Kai Strittmatter von der Süddeutsche Zeitung geschildert habe, war die Verletzung sehr tief. Ich habe meine Entlassung nicht als Freiheit, sondern als ein erneutes seelisches Exil wahrgenommen. Dies ärgerte mich selbst. Deshalb, wie ich damals angekündigt habe, bin ich in mein Dorf gefahren, habe den Friedhof besucht, meine Kindheitserinnerungen wieder erweckt und die Verstorbenen zu einem Teil meiner Zukunft gemacht. Durch diese Reise habe ich praktisch dieses Exil abgelehnt. Ich bin kein türkischer Bürger mehr. Ich habe bis zum Januar 2012 ein Einreiseverbot in die Türkei. Ob ich mir eine Rückkehr in die Türkei vorstellen und mich mit der Türkei versöhnen kann, ist offen. Aber ein Punkt ist für mich sehr klar: Ich beantrage niemals für türkische Staatsbürgerschaft, wenn die Türkei den Genozid an den Armeniern nicht anerkennt.
HAYsociety: Wie könnte eine Versöhnung zwischen Armeniern, Türken und Kurden aussehen?
Dogan Akhanli: Versöhnung ist ein großes Wort. Wir haben seit einigen Jahren begonnen, uns zu begegnen. Begegnung ist gerade ein richtiger Begriff.
HAYsociety: Vielen Dank!
Zur Person:
Akhanlı wurde im August 2010 in Istanbul mit fadenscheinigen Gründen verhaftet und musste vier Monate im Militärgefängnis sitzen und konnte nur mit Hilfe seiner Freunde und des öffentlichen Drucks aus Deutschland freikommen.
Doğan Akhanlı wurde 1957 in Şavşat, Türkei, geboren und lebte ab seinem zwölften Lebensjahr in Istanbul. Nach dem Militärputsch von 1980 ging er in den Untergrund. Von 1985-1987 war Doğan Akhanlı als politischer Häftling im Militärgefängnis von Istanbul inhaftiert und wurde dort gefoltert. Er floh 1991 nach Deutschland, wurde als politischer Flüchtling anerkannt und 1998 von der Türkei ausgebürgert. 2001 wurde er deutscher Staatsbürger. Seit Mitte der 90er Jahre lebt er als Schriftsteller in Köln.
Seitdem hat er sich in Romanen, Aufsätzen und Interviews und in Projekten in Deutschland immer wieder für den wahrhaftigen Umgang mit historischer Gewalt und für die Unteilbarkeit der Menschenrechte eingesetzt. Akhanlı ist der Initiator der Raphael-Lemkin-Bibliothek in Köln. Schwerpunkt seines zivilgesellschaftlichen Engagements sind das Gedenken an die Genozide des 20. Jahrhunderts, darunter an die Opfer des Völkermordes an den Armeniern, und der interkulturelle, auf Versöhnung orientierte Dialog.
Seine Projekte wurden unter anderem von der Bundesstiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft” gefördert und zuletzt im Jahr 2009 vom Bündnis für Demokratie und Toleranz ausgezeichnet.
Doğan Akhanlı hat sich intensiv für die Aufklärung des Mordes an Hrant Dink eingesetzt und erinnert an die friedensstiftende Arbeit dieses Journalisten und Autoren.
Doğan Akhanlı ist Mitarbeiter des gemeinnützigen Vereins „Recherche International“. Der Verein befasst sich vorrangig mit der bildungsorientierten Aufarbeitung von genozidalen Gewalterfahrungen. Darüber hinaus engagiert Akhanlı sich seit 2010 in einem Dialogprojekt über deutsche, kurdische und türkische Geschichte und Verständigung.
Akhanlı wurde im August 2010 in Istanbul mit fadenscheinigen Gründen verhaftet und musste vier Monate im Militärgefängnis sitzen und konnte nur mit Hilfe seiner Freunde und des öffentlichen Drucks aus Deutschland freikommen.





Einsame Straße im Snagesur.
Der Rückzug ohne Lied.




