Seit Jahren sind immer neuere Strategien zur Diskreditierung der armenischen Diaspora durch selbsternannte „Versöhner“ zu beobachten. Ihre Aktionen reichen von sogenannten politischen „Dialogen“ bis hin zu künstlerischen „Aussöhnungs“-Projekten. Ziel dieser Projekte ist es zumeist, die Auseinandersetzung mit dem Genozid an den Armeniern in den Hintergrund zu drängen, um der Türkei den Eintritt in den europäischen Diskurs zu eröffnen. Dabei bedarf es jedoch der Marginalisierung der armenischen Erinnerung in Europa. Der Fantasie und der Vielfalt der im Kern politischen Manöver zur Isolation und Ausgrenzung der armenischen Gemeinschaft aus dem öffentlichen Diskurs in Deutschland und Europa sind dabei keine Grenzen gesetzt. Am meisten schmerzt es, wenn armenische Akteure als „Kronzeugen“ gegen die armenische Diaspora – der Gemeinschaft der Überlebenden – vorgeführt werden. Karrieristen und Opportunisten werden nämlich gezielt in diese Projekte einbezogen.
Exemplarisch sollte hier ein Blick in das jüngste „Aussöhnungs“-Projekt in Berlin geworfen werden, von dem wahrscheinlich kaum ein Armenier in Deutschland Kenntnis erlangt hat:
Am 21.03.11 startete im Theaterhaus Mitte in Berlin ein künstlerisches „Aussöhnungs“-Projekt. Erfahren hatte ich davon zufällig von einer Bekannten, die mir vor einigen Wochen kommentarlos eine Email zusandte, welches ursprünglich an die Mitglieder des „HEyMAT“ - Netzwerkes („Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle“) und die Teilnehmer der geplanten „Junge Islam Konferenz – Berlin 2011“ gerichtet war.
Im Anhang der Mail befand sich eine Ausschreibung zu einem Workshop, der vom 21.03. – 25.03.2011 im Theaterhaus Mitte in Berlin unter dem Motto „Aussöhnung - über das Mitgestalten einer öffentlich geführten politischen Debatte und die Möglichkeiten der darstellenden Kunst“ stattfinden sollte und als „Kooperationsprojekt zwischen Armenien, Frankreich, Deutschland und der Türkei“ bezeichnet wird.
Teilnehmer dürften nicht älter als 25 Jahre alt sein und sollten ein Motivationsschreiben einsenden, aus dem hervorginge, warum ihnen die Teilnahme am Workshop wichtig sei.
Weder die armenischen Gemeinden, noch die armenischen Studenten- und Jugendorganisationen erhielten Kenntnis von diesem Projekt.
Dieser Workshop ist Teil eines größeren Projektes namens „recon“, das von der Europäischen Kommission, der Robert Bosch Stiftung und dem Deutsch-Französischem Jugendwerk gefördert wird und abkürzend für reconciliation -„Versöhnung“ steht.
Geleitet wird das Projekt „recon“ von den Künstlern Sedef Ecer, Marilèn Iglesias-Breuker, Bruno Freyssinet und Serge Avédikian. Sie verfolgten mit diesem Projekt das Ziel, eine mehrsprachige Bühneninszenierung zum Thema „Aussöhnung“ zu erarbeiten, dass dann in Frankreich, Deutschland, Türkei und Armenien aufgeführt werden solle. Dabei würden die individuellen Erfahrungen und Vorstellungen der 16-25 Jährigen Workshop-Teilnehmer Berücksichtigung finden und zu einem „Aussöhnungs“-Konzept weiterentwickelt werden. Das Projekt „recon“ fokussiere die Zusammenarbeit zwischen Künstlern, Jugendlichen und den zivilgesellschaftlich engagierten Repräsentanten dieser Gemeinschaften.
Doch Repräsentanten der Gemeinschaften sucht man in diesem Projekt vergeblich.
Weder die armenischen Gemeinden, noch die armenischen Studenten- und Jugendorganisationen erhielten Kenntnis von diesem Projekt. Das Team Junger Armenier - die Jugendorganisation des Zentralrates der Armenier in Deutschland – bestätigte, dass sie weder eine Einladung, noch ein Anschreiben zur Kenntnisnahme erhalten hätten. Während das Netzwerk der Jungen Muslime in Deutschland „HEyMAT“ eine Benachrichtigung erhielt, blieben armenische Jugendliche außen vor.
Setzt die Entwicklung eines „Versöhnungskonzepts“ nicht grundsätzlich voraus, dass die Betroffenen benachrichtigt und beteiligt werden? Sollten sie nicht als Träger der Erinnerung, die hier im Projekt „künstlerisch“ gestaltet werden soll, die ersten Ansprechpartner sein? Die armenischen Jugendlichen, die aktiv das Leben der armenischen Gemeinschaft in Deutschland gestalten, wurden damit gewollt oder ungewollt aus diesem Projekt ausgeschlossen.
Doch es stellt sich im Zusammenhang mit diesen „Versöhnungs“-Projekten noch eine viel grundsätzlichere Frage: Bedarf es überhaupt neuer Konzepte für eine Versöhnung zwischen Armenien und der Türkei, angesichts der europäischen Erfahrung des Holocausts und dem jüdisch-deutschen Versöhnungsweg, der mit dem Kniefall Willi Brandts vor dem Mahnmal der jüdischen Widerstandskämpfer im Warschauer Ghetto seine Anfänge nahm?
Vorlagen für Versöhnungskonzepte gibt es in Europa reichlich. Die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland, Polen und Deutschland und das zwischen Israel und Deutschland seien hier zur Erinnerung genannt. Betrachtet man sich die jeweiligen Konzeptionen, stellt sich für uns die Frage, welches dieser Konzepte eine Analogie zum armenisch-türkischen Verhältnis überhaupt erlaubt.
Es stellt sich daher die Frage, warum die Projektleiter um Serge Avedikian und das Berliner Theaterhaus Mitte ausgerechnet „Frankreich – Deutschland“ und nicht „Israel – Deutschland“ als Vorlage für eine „Aussöhnung“ herangezogen haben.
Analogien dürfen nur dort gezogen werden, wo eine vergleichbare Sachlage besteht. „Gleiches mit Gleichem“, wird uns schon in der Grundschule gelehrt. Die Projektträger und Künstler um Serge Avedikian ziehen das Frankreich-Deutschland- Modell heran. Ist dieser Vergleich überhaupt zulässig? Ein Blick in die Geschichte sollte uns da weiterhelfen.
Die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland zeichnen sich durch ihre vielen Kriege, insbesondere dem Deutsch-Französischen Krieg im Jahre 1870/71 aus. Hier standen sich Deutschland und Frankreich mit ihren Armeen gegenüber und führten Krieg u.a. um Elsass-Lothringen. Während des II.Weltkrieges besetzte Nazi-Deutschland Frankreich. Die französische Resistance befreite Frankreich vom Vichy-Regime, das mit Hitler-Deutschland kooperierte und besiegte als alliierte Macht Deutschland. Nach dem Ende des II. Weltkrieges wurde die französisch-deutsche Aussöhnung durch den europäischen Einigungsprozess eingeleitet und die Erbfeindschaft beendet.
Die osmanische Türkei dagegen ermordete während des I.Weltkrieges mit Hilfe des deutschen Kaiserreiches unter Wilhelm II. seine armenische Bevölkerung, konfiszierte ihr Eigentum und vernichtete alles, was die Erinnerung an ein armenisches Leben, Geschichte, Kultur aufrechterhalten könnte. Dies geschah aus dem Grund, einen rassisch homogenen türkisch-muslimischen Nationalstaat zu errichten. Seit der Republiksgründung ist die Einstellung der Türkei gegenüber den Armeniern von einer vehementen Leugnung der armenischen Erinnerung und einer Feindseligkeit gegenüber dem armenischen Volk bestimmt.
Sind diese beiden Sachverhalte vergleichbar? Wohl nicht. Es stellt sich daher die Frage, warum die Projektleiter um Serge Avedikian und das Berliner Theaterhaus Mitte ausgerechnet „Frankreich – Deutschland“ und nicht „Israel – Deutschland“ als Vorlage für eine „Aussöhnung“ herangezogen haben.
Welche Strategie kann sich hinter diesem Vergleich verbergen? Eine neue Form der Völkermordsinterpretation etwa? Man bedenke: Welche Geschichte wird suggeriert, wenn ein völkerstrafrechtliches Menschheitsverbrechen mit einem bewaffneten Konflikt zwischen zwei Staaten verglichen wird? Welche Erinnerungen, Erzählungen, Narrative werden dann einem solchen Projekt zu Grunde gelegt, wenn die Geschichte Armeniens und der Türkei mit den historischen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Deutschland verglichen wird?
Um eine Antwort auf diese Fragen zu erhalten, kontaktierte ich Frau Hella Mewis vom Theaterhaus Mitte in Berlin. Es brauchte einige Tage bis ich eine Antwort erhielt. Doch statt von ihr eine Antwort zu erhalten, schrieb mir Serge Avedikian auf Französisch und teilte mir mit, dass er meine Fragen aus Zeitgründen nicht beantworten könne, sie aber interessant finde.
Auf nochmaligen Hinweis beim Theaterhaus Mitte, dass ich auf meine deutsche Frage eine deutsche Antwort erhalten wolle, antwortete Hella Mewis, dass sie aus Zeitgründen nicht antworten könne und wiederholte die Teilnahmevoraussetzungen für den Workshop.
Armenier kennen diese Strategien. Sie werden seit Jahren gegen sie betrieben. Unter dem Deckmantel positiver Begrifflichkeiten, die positive Assoziationen auslösen, wie „Dialog“, „Annäherung“ oder „Versöhnung“, wird subtil der türkischen Propaganda der Weg nach Europa geebnet.
Ich bat in einer weiteren Mail nochmals nachdrücklich, um die Beantwortung meiner Fragen und setzte noch eine weitere Frage hinzu. Im Rahmen des Projektes sollte nämlich eine Diskussionsrunde mit dem deutsch-türkischen Aktivisten Dogan Akhanli, dem deutsch-kurdischen Politiker Gyasettin Sayan, der Armenierin Ayda Abgarian, André Brie und Marita Hebisch-Niemsch stattfinden, doch kein Vertreter aus den armenischen Gemeinden in Deutschland war dazu eingeladen worden. Warum nicht? Statt mir zu antworten, erfuhr ich einen Tag vor dem Termin am 23.03.11 von der Armenischen Gemeinde zu Berlin, dass sie kurzfristig eingeladen worden seien, an der Diskussion teilzunehmen.
Dieser Umstand ändert jedoch nichts am Gesamtcharakter dieses „Versöhnungs“-Projekts. Serge Avedikian und Hella Mewis blieben mir auch die Antwort schuldig, warum das Projekt auf Nationalstaaten „Armenien, Türkei, Deutschland, Frankreich“ fokussiert ist, statt auf die Völker. Denn „Aussöhnen“ können sich nur Menschen, nicht juristische Personen. Warum heißt es also Armenien-Türkei und nicht Armenier und Türken? In der Projektvorstellung heißt es, dass es bei dem Projekt „um zivilgesellschaftliche und individuelle Aspekte“ ginge.
Doch von Zivilgesellschaft ist nicht der Hauch einer Spur zu sehen.
Vor vier Jahren begann ich mit alevitischen Freunden zusammen, die armenische und alevitische Gemeinschaft in Deutschland zusammenzubringen und die Zusammenarbeit zu fördern. Seither haben unsere Gemeinschaften vorbildliche Beziehungen, sowohl auf privater als auch auf institutioneller Ebene. Dieser Bezug des Zusammenlebens fehlt völlig in diesem „Versöhnungsprojekt“.
Doch welche andere Rolle sollte eine „Aussöhnung“ sonst haben, als Menschen zusammenzubringen? Spielen etwa in einem Europa der Versöhnung nachbarschaftliche Beziehungen keine Rolle?
Der Bezug auf die Nationalstaaten verleiht dem ganzen Vorhaben einen nationalstaatlichen und damit politischen Charakter. Staatliche Politik kann allerdings nicht „aussöhnen“, sondern allenfalls beschwichtigen.
Armenier kennen diese Strategien. Sie werden seit Jahren gegen sie betrieben. Unter dem Deckmantel positiver Begrifflichkeiten, die positive Assoziationen auslösen, wie „Dialog“, „Annäherung“ oder „Versöhnung“, wird subtil der türkischen Propaganda der Weg nach Europa geebnet. Türkische Nationalisten erhalten damit die Chance, „ihre Sicht der Dinge“ zu erzählen und die „andere Seite der Medaille“ in den Diskurs einzuführen. Solange man über Dinge redet, brauchen sie nicht entschieden zu werden und sobald ein Sachverhalt in die Kontroverse gezwungen wird, darf die Leugnung als „andere Meinung“ verbreitet werden.
Holocaustleugnung als Versöhnungsbeitrag?
Die armenische Gemeinschaft, die solchen Projekten grundsätzlich zurückhaltend und kritisch gegenübersteht, da sie sich Pseudo-Dialogen entziehen und sich nicht für die Türkei-Politik bestimmter Interessenkreise vereinnahmen lassen möchte, wird dann kurzerhand von den „Versöhnern“ in die Rolle des Nationalisten gezwängt, als Unversöhnliche geschmäht und mit den türkischen Leugnern auf eine Stufe gestellt, wenn sie auf die Anerkennung des Genozids beharrt.
Doch ein Genozid lässt sich nicht einfach weg reden, wie es sich manch einer wünschen würde, und auch das Scheinargument, dass der Völkermord 100 Jahre zurückliege, zeugt von einer Gegenwartsblindheit. Allein in Deutschland wird eine massive Hasspropaganda seitens türkischer Verbände betrieben, die sogar erfolgreich von deutschen Parteien und Institutionen übernommen wird. So ist es beispielsweise nicht verwunderlich, wenn die SPD in Deutschland eine regelrechte Ausgrenzungspolitik gegenüber der armenischen Gemeinschaft betreibt und sie aus dem gesellschaftlichen Diskurs vorsätzlich ausgrenzt, um ungestört mit Kemalisten (TGD), Grauen Wölfen (ATIB), türkischen Staatsvertretern (DITIB) und Islamisten (Milli Görüs) ihre Interessenpolitik zu gestalten.
Dass Künstler, die an einem angeblichen „Aussöhnungsprojekt“ mitwirken, die Politik der Ausgrenzung mittragen, macht sie zu opportunistischen Handlagern dieser Politik. Wer Konzepte zur aufrichtigen „Aussöhnung“ sucht, sollte zunächst einmal lernen, die richtigen Analogien zu ziehen und sich überlegen, ob die Annäherung von Armenien und der Türkei, von Armeniern und Türken tatsächlich - wie suggeriert wird - lediglich an einem fehlenden „Versöhnungs-Konzept“ scheitert, als vielmehr an der Kontinuität der staatlich verordneten nationalistischen Geschichts- und Identitätsbilder der Türkei.
Angesichts dieser ständigen Übergriffe auf die armenische Erinnerung ist es bewundernswert, wie die armenische Gemeinschaft sich dazu verhält. Das „Nicht-Trauern-Dürfen“, das nicht „Wütend-Sein-Dürfen“ zwingt sie dazu, all den Beleidigungen, Denunziationen und dem Rassismus, rational zu begegnen. Aufgeschlossen stehen sie jedem ehrlichen Bemühen um eine Aufarbeitung und Annäherung gegenüber. Doch wer versucht, den türkischen Nationalismus unter der Maske der „anderen Sichtweise“ oder der „anderen Meinung“ durch pseudo-künstlerische Veranstaltungen zu legitimieren und diskursfähig zu machen, dem muss mit aller Entschiedenheit Einhalt geboten werden mit einem eindeutigen „VOTSCH – Nein - Hayir“!
Foto: (c) Holger.Ellgaard / Wikipedia. Willy Brandts Kniefall 1970. Willy Brandt legte als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland vor dem Ehrenmal der Helden des Ghettos in Warschau einen Kranz nieder.





Einsame Straße im Snagesur.
Der Rückzug ohne Lied.




