Zentrale Gedenkfeier in Frankfurt
Es ist ein Tag der Trauer, und es ist ein Tag der Anklage. So heißt es in dem Leittext zum 24. April, an dem sich die in Deutschland lebenden Armenier wie alljährlich zur Zentralen Gedenkfeier in der Frankfurter Paulskirche versammeln und an die Opfer des osmanischen Völkermords von 1915 erinnern.
Es ist ja diese eine bittere Erkenntnis, die die Armenier aus den zurück liegenden Jahren und Jahrzehnten ziehen müssen: Es ist ihnen nicht vergönnt, ruhigen Herzens der Toten zu gedenken, sich deren Geschichten zu erzählen, ihnen Liebesgaben an die Gräber zu bringen. Ihre Trauer vermischt sich mit Wut, mit Scham, mit endlos sich wiederholenden Anklagen, mit politischen Forderungen, deren Peinlichkeit allein darin besteht, dass sie noch immer gestellt werden müssen.
Es ist die türkische Völkermordlüge, die den Armeniern die Trauer verwehrt. Und es ist die deutsche Weigerung, sich endgültig von dieser Lüge zu distanzieren, die es den Armeniern in Deutschland so schwer macht, sich hier aufgenommen und angenommen fühlen. Es gab, im Jahre 2005, einen Hoffnungsschimmer, Deutschland könnte sich seiner Verantwortung bewusst werden und den Genozid endlich anerkennen. Die Armenier-Resolution des Deutschen Bundestages war ein Signal. Leider ist es in der politischen Wirklichkeit nicht angekommen: Die Schulbücher sind nicht korrigiert worden, ein Mahnmal im Schatten des Reichstages ist nach wie vor nicht sichtbar, das Auswärtige Amt ist längst zurück gerudert und desavouiert das Parlament durch eigene Interpretationen. Und neuerdings bagatellisiert sogar Altkanzler Gerhard Schröder der Völkermord an den Armeniern als einen historischen „Vorgang“.
Es ist die türkische Völkermordlüge, die den Armeniern die Trauer verwehrt.
Der Holocaust vor dem Holocaust, wie manche Historiker den Genozid von 1915 charakterisieren, ist längst noch nicht in den Kanon deutschen Geschichtsbewusstseins aufgenommen. Darum ist der 24. April Jahr für Jahr von Neuem ein Tag, an dem die Armenier den Deutschen ins Gewissen reden müssen. Die Forderungen sind klar, sie münden alle und endgültig in der Forderung nach der formalen Anerkennung als Völkermord im Sinne der Konvention 260 der Vereinten Nationen.
Hauptredner der diesjährigen Gedenkfeier sind der Schriftsteller Dogan Akhanli und die Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach. Der eine, deutscher Staatsbürger türkischer Herkunft, hat kürzlich unter fadenscheinigen Gründen monatelang in türkischen Gefängnissen eingesessen, weil er den Völkermord einen Völkermord genannt hat und trotzdem in sein Geburtsland reisen wollte. Die andere, politisch auch in Deutschland sehr umstritten, aber von eiserner Konsequenz in ihrem Engagement für die Armenier, sorgt sich aus tiefem Herzen um die zunehmende Verfolgung von Christen in der islamischen Welt.
Der Holocaust vor dem Holocaust, wie manche Historiker den Genozid von 1915 charakterisieren, ist längst noch nicht in den Kanon deutschen Geschichtsbewusstseins aufgenommen
Wenn wir uns die Namen derer anschauen, die in den letzten Jahren auf den Gedenkveranstaltungen zum 24. April gesprochen haben, liegt der Rückschluss nahe: Wer hat da nicht geredet! Die deutsche Politikerklasse – Politikerkaste – ist feige, sie verweigert sich unter Hinweis auf unaufschiebbare Termine, auf Verpflichtungen allerlei Art. Das gilt für Bundes- wie für Landespolitiker. Wer will es sich schon verderben mit den türkischen Lobbyverbänden im Lande, mit den Konsulaten und Honorarkonsulaten? Oder gar mit Ankara? Wenn in der öffentlichen Debatte die Türkei neuerdings als einzige Demokratie der islamischen Welt gefeiert wird, weil es dort Wahlen gibt, dann muss, wer diese Szenerie beobachtet, irre werden am Verstand der Kommentatoren. Demokratie ist mehr als nur Wahlen – dazu gehören elementare Menschenrechte, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, dazu gehört ein ehrlicher Umgang mit der Geschichte: Die Holocaustlüge verträgt sich nicht mit dem Anspruch auf Demokratie, verträgt sich auch nicht mit dem Anspruch auf Aufnahme in die Wertegemeinschaft einer Europäischen Union. Das alles wissen die Politiker, die sich dem armenischen Gedenktag verweigern. Sie wissen es, selbstverständlich. Aber sie trauen sich nicht, es auszusprechen. Sie wollen keinen Ärger. Es gibt löbliche Ausnahmen, auch der diesjährige 24. April belegt das. Aber das sind, leider, Ausnahmen von der Regel.
Und die Medien? Gerade erst erinnert der Fotograf Wolfgang Kunz in dem Berliner Journalistenblatt Nitro an den Supergau der Zeitschrift Geo, die für einen Beitrag über die Armenier in der Türkei lieber auf die Einflüsterungen der türkischen Presseoffiziere hörte als auf die Erfahrungen eines sensiblen Journalisten. Der Skandal, nahe an den Hitlertagebüchern des Stern, liegt fast 30 Jahre zurück. Aber er könnte sich jederzeit wiederholen. Wenn wir heute deutsche Zeitungen aufblättern, lesen wir immer mal wieder von „Massakern“, von „Ereignissen“, von der „Katastrophe“ – gemeint ist immer dasselbe: der Völkermord. Und wenn Gerhard Schröder in der Peiner Allgemeinen Zeitung den Genozid verniedlicht, weil er dem türkischen Ministerpräsidenten etwas Gutes tun will, warten wir vergeblich auf ein Echo der Empörung. Sein Interview erschien am selben Tag, als ein deutscher Minister wegen einer Plagiatsaffäre seinen Hut nahm: Dieser Skandal sorgte wochenlang für Auflage und Einschaltquote, des Ex-Kanzlers Skandal verpuffte im Nichts.
Also müssen die Armenier selbst lauter werden, um Gehör zu finden. Es lohnt sich, über geeignete neue Instrumente nachzudenken. Aber dieser eine bittere Widerspruch wird bleiben: den Tag der Trauer und den Tag der Anklage in Übereinstimmung zu bringen. Das wird so lange so bleiben, bis die Türkei sich eines fernen Tages zur ihrer Geschichte bekennen muss.
96. Gedenktag für die Opfer des osmanischen Genozids an den Armeniern
24. April 2011, 19 Uhr, Paulskirche, Frankfurt a.M.
Veranstaltung des Zentralrats der Armenier in Deutschland (ZAD)
und der Diözese der Armenischen Kirche in Deutschland
llustration: © Marietta Armena. www.marietta-armena.de





Einsame Straße im Snagesur.
Der Rückzug ohne Lied.




