StartAktuelle AusgabeGesellschaft & PolitikDersim: Ein erster Schritt, um sich mit der Vergangenheit in Türkei auseinanderzusetzen

Dersim: Ein erster Schritt, um sich mit der Vergangenheit in Türkei auseinanderzusetzen

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Letzte Woche (am 23. November 2011, Anm. Red.) hat sich der türkische Ministerpräsident Erdogan im Namen der türkischen Republik für die Dersim-Massaker von 1937-38 entschuldigt[1]. In seiner Rede zeigte Erdogan offizielle Dokumente, datiert vom August 1939, die beweisen, dass die türkische Regierung militärische Operationen durchführte, die mehr als 13.000 tausend Zivilisten in der Dersim-Region das Leben kosteten. Erdogan nannte diese Ereignisse „die tragischsten Ereignisse unserer jüngsten Vergangenheit“ und fügte hinzu, dass „diese Katastrophe jetzt mutig aufgeklärt werden muss.“

Dersim ist eine östliche Provinz der Türkei und grenzt an die Provinzen Erzincan, Elazig und Bingöl. Während der osmanischen Zeit bildete Dersim einen Teil der Provinz Harput, benachbart zur Provinz Erzurum. Die Bevölkerung besteht vorwiegend aus alewitischen Kurden und schiitischen Muslimen, die häufig von den sunnitischen Türken verfolgt wurden, die die Mehrheit bilden.

In der osmanischen Periode und später in der Zeit der türkischen Republik hatte die Zentralregierung Schwierigkeiten, in dieser Region, die hauptsächlich von kurdischen Feudalherren und Clans kontrolliert wurden, die Zentralgewalt zu installieren. Die Tötungen fanden statt, als die kurdische Bevölkerung der Region den Bemühungen der neu gegründeten türkischen Republik, die Staatsgewalt in dieser Region auszuüben, Widerstand leistete. Nach der Entwaffnung der lokalen Bevölkerung und der Verhaftung ihrer Führer attackierte die türkische Armee die gesamte Region und tötete wahllos. Frauen und Kinder, die versuchten sich in Höhlen zu verstecken, wurden ausgeräuchert oder bei lebendigem Leib verbrannt, in dem die Höhleneingänge versiegelt wurden. Kriegsflugzeuge warfen Bomben und Giftgas auf die fliehende Zivilbevölkerung. Einer der Bomberpiloten war Sabiha Gökcen, die Adoptivtochter Atatürks und ein Kriegsheld in der Türkei, nach der später der zweite Flughafen von Istanbul benannt wurde (der erste heißt Atatürk Flughafen, Anm. Red.) Alle verhafteten kurdischen Führer wurden erhängt. Die Zahl der Getöteten schwankt zwischen 13.000, nach türkischen,  40.000 – nach US-, und 80.000 nach kurdischen Quellen. Eine Tatsache bleibt klar: Dersim wurde entvölkert und die übrige Bevölkerung wurde mit Gewalt in den West der Türkei deportiert, „um die Türkifizierung dieser aufständischen Gruppe zu beschleunigen.“  Nach einem Jahrzehnt später wurde diesen Menschen erlaubt, nach Dersim zurück zu kehren, das in Tunceli umbenannt wurde. In den letzten zwei Jahrzehnten wurde es einer der Herde der kurdischen Widerstandsbewegung.

Viele interessante Wendungen der Ereignisse haben Erdogan dazu veranlasst, eine offizielle Entschuldigung für Dersim auszusprechen. Vor zwei Jahre, als Erdogan zuerst versuchte, den kurdischen Widerstand friedlich zu beenden, brüllte einer der Führer der größten, stramm nationalistischen Oppositionspartei, der CHP, dass der richtige Weg zur Lösung der Kurdischen Frage nicht der friedliche sei, sondern die bewährten Methoden, die bereits in Dersim in den 30er Jahren angewandt wurden. Ironischerweise wird die größte Oppositionspartei jetzt von Kemal Kilicdaroglu angeführt, einem Alewiten aus Dersim. (Einer seiner Parteimitglieder hat kürzlich verlangt, dass die Türkei sich seiner Vergangenheit stellen und sich für die Dersim-Massaker entschuldigen sollte; für seinen Ausbruch wird er jetzt mit einem Parteiausschlussverfahren konfrontiert.) Das Hauptmotiv hinter Erdogans Entschuldigung scheint zu sein, dass er einerseits die Schuld für die Dersim-Massaker direkt bei der Oppositionspartei CHP abladen will, die in den 30er Jahren – in der Ära von Atatürk, Ismet Inönü, Celal Bayar - die Regierungspartei war[2], andererseits versucht er, die Stimmen der kurdischen Bevölkerung zu gewinnen. Ein anderer Oppositionspolitiker aus Diyarbakir lobte Erdogan und kritisierte seine eigene Partei, dass sie keine Entschuldigung ausspricht und wurde sofort aus der CHP ausgeschlossen. Ein Mitglied der Regierungspartei Erdogans machte den Vorschlag, den Namen „Sabiha Gökcen“ vom Istanbuler Flughafen zu entfernen und wurde sofort von Erdogan zum Schweigen gebracht. Zur gleichen Zeit beschuldigte Kilicdaroglu Erdogan des Landesverrats und sagte, dass er nicht überrascht wäre, wenn Erdogan sich bei den Armeniern entschuldigt. Erdogan antwortete darafuhin: „Wie kannst du es wagen, mich mit der Armenischen Diaspora zu vergleichen!“

Es sind mehrere armenische Verbindungen zur Geschichte von Dersim, ironisch und tragisch zugleich. Während des Höhepunkts der Deportationen und Massaker von 1915 fanden mehrere armenische Gruppen aus benachbarten Provinzen Zuflucht in Dersim. Schätzungsweise 25.000 Armenier aus Erzurum und Erzincan überlebten im Schutz der Dersim-Kurden, und die meisten dieser Armenier konvertierten zum alewitischen Glauben. Es wird gesagt, dass einer der Gründe für die Gewaltverbrechen der türkischen Armee in den 1930er Jahren Rache gegen die Kurden war, die 1915 Armenier retteten. Es wird ebenfalls gesagt, dass ein bedeutender Teil der Opfer der Dersim-Massaker konvertierte armenische Frauen und Kinder waren.

Im krassen Kontrast hierzu war die Kriedgsheldin und Pilotin Sabiha Gökcen in der Tat ein armenisches Mädchen aus Bursa, von Atatürk adoptiert, nach dem es duch den Völkermord zum Waisenkind wurde. Wir können nicht umhin, uns ironisch zu fragen: Was hat Sabiha Gökcen gedacht, als sie die Menschen unter sich bombardierte? Dass sie eine Türkin ist, die Kurden bombardiert? Oder: Wusste sie, dass sie Armenierin war, die Armenier bombardiert? Die Enthüllung, dass Sabiha Gökcen Armenierin war, wurde vom armenischen Journalisten Hrant Dink im Jahr 2004 in einer Dokumentation veröffentlicht, die den Startschuss zu seiner gezielten Ermordung durch den „tiefen Staat“ im Jahr 2007 gab.

Einige verborgene Dersim-Armenier haben kürzlich ihre Identität offenbart und gründeten offiziell einen Verein der Dersim-Armenier; mache ändern ihre Namen und nehmen wieder den christlichen Glauben an. Der Vereinsgründer hat neulich bekannt gegeben, dass  knapp dreiviertel der Dersim-Dörfer von verborgenen Armeniern bewohnt wird, aber sie haben Angst, ihre wahre Identität preiszugeben.

Alle diese miteinander verbundenen Tatsachen führen zur unvermeidlich Notwendigkeit für die Türkei, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen - und nicht nur mit den selektiven Heldentaten ihrer Vorfahren. Der Ministerpräsident Erdogan hat den ersten Schritt gemacht, in dem er die Dersim-Massaker anerkannte und sich entschuldigte. Andere Ereignisse, mit denen sich die Türkei konfrontieren muss, beinhalten die 1942 den Minderheiten auferlegte Vermögenssteuer, die dazu führte, dass ihr gesamtes Vermögen den Türken zugeschlagen wurde und die gewalttätigen Ereignisse vom 6. und 7. September 1955, die dazu führten, dass die griechische Minderheit aus der Türkei floh. Aber das größte Tabu  bleibt weiterhin bestehen: die Konfrontation mit der Wahrheit über den Völkermord von 1915.

Aus dem Amerikanischen von Suren Knolle-Akyüz


[1] Wortlaut Erdogan: "Eğer devlet adına özür dilenecekse, böyle bir literatür varsa ben özür dilerim, diliyorum." (Falls es im Namen des Staates um Entschuldigung gebeten werden muss, solch eine Literatur vorhanden ist, dann werde ich mich entschuldigen, ich entschuldige mich.)

[2] Parteidiktatur eines Einparteienstaats bis in die 50er Jahre, Anm. Red.

Der Artikel ist zuerst erschienen in: Armenian Weekly, Dersim: A First Step in Facing the Past in Turkey

 

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Diaspora & Rückkehr

Es ist viel über den Begriff und die Sache „Diaspora“ gesagt worden. Anscheinend ist es so, dass man sich gerade als Mitglied der Diaspora in einem herausgehobenen Sinn mit einer gewissen Permanenz damit beschäftigt, wer man ist und wohin man gehört. Neben dieser Überlegung begegnen einem begriffliche Verwirrungen, dass neben der armenischen Diaspora auch z. B. von der türkischen Diaspora gesprochen wird. >>weiter

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