Straßenschild ins Ungewisse. Republik Berg Karabach - Region Schahumjan
Endlich die ersten Bäume an den Berghängen, es wird wieder grün. Weiter unten sehe ich einen Bach sich durch die Wiesen mäandern. Auf den Almen grasen Kühe und Schafe. Frieden. Ich bin in Karvatschar.
Es war ein mühsamer Aufstieg von dem kleinen Marktflecken Vardenis, am äußersten Ende des Sevansees gelegen, bis hinauf zum Sotk-Pass. 2700 Meter hoch, Staub und Lärm. Dort oben graben sich gigantische Maschinen in den Berg, es lockt das Gold, das sich wie blondes Engelshaar in die Gänge der Jahrtausende alten Felsen schmiegt. Hier erzählt niemand mehr die verlorenen Legenden.
Auf dem Pass, der die Grenze bildet zwischen Armenien und Karvatschar, fragte mich ein Minenarbeiter: „Was gibt es zu sehen? Hier gibt es doch nichts.“ Genau das macht mich neugierig. Das hier ist Niemandsland, ein Restposten des nachsowjetischen Umbruchs, eine Pufferzone zwischen der winzigen Republik Nagorny-Karabach und Armenien. Ein Faustpfand im politischen Ränkespiel nicht nur der Großmächte.
Auf dem Pass, der die Grenze bildet zwischen Armenien und Karvatschar, fragte mich ein Minenarbeiter: „Was gibt es zu sehen? Hier gibt es doch nichts.“ Genau das macht mich neugierig. Das hier ist Niemandsland, ein Restposten des nachsowjetischen Umbruchs, eine Pufferzone zwischen der winzigen Republik Nagorny-Karabach und Armenien. Ein Faustpfand im politischen Ränkespiel nicht nur der Großmächte.
Schon die geografischen Namen sind ein hoch sensibles Politikum. Führt mich mein Weg nun nach Arzach oder nach Nagorny-Karabach? Ist der armenische Name korrekt oder der türkische? Wandere ich durch Karvatschar, wie es die Armenier auf armenisch, oder durch Kelbajar, wie es die Aserbeidschaner auf türkisch nennen? Es ist verwirrend. Ich schultere meinen Rucksack und los geht’s. Nach dem glühenden Staub auf der anderen Seite des Passes nun die ungestörte Ruhe einer herrlichen Landschaft. Bergweiden, Schatten spendende Bäume, klares Quellwasser, in der Ferne eine erste Ziegenherde. Idylle.
Bis zum ersten Dorf. Eingestürzte Dächer, zerborstene Mauern, nichts als Ruinen. Hier haben Aseris und Lasen gewohnt, hier haben sie ihre Kühe geweidet, ihre Feigen geerntet, ihre Tomaten für den Winter eingekocht. Krieg ist gerecht, er zerstört immer beide Seiten: Ich habe noch heute Morgen die geschundenen Dörfer auf der anderen Seite gesehen, die Ruine der kleinen Kirche in dem Dorf Azat, die verlassenen Gemüsegärten. Krieg ist gerecht. Und Krieg ist ungerecht, er lässt nie einen verdienten Sieger, er lässt immer nur Opfer zurück. Die Menschen müssen sehen, wie sie mit den Folgen zurechtkommen. Flüchtlingsströme in diese wie in jene Richtung: Die Armenier aus Aserbeidschan verjagt, die Aseris vom Krieg aus Arzach vertrieben. Trauer in den Familien. Wut? Wie wird diese Geschichte ausgehen?
Meine Gastgeber, die Bürgermeisterin, sie beschämen mich mit ihrer Herzlichkeit. Es gibt noch einmal ein Gläschen von diesem herrlichen selbst gemachten Obstwein, funkelnde Rubine im feinen Kristall, dann werde ich mit einer großen Plastiktüte voller Bratkartoffeln entlassen. Bari djanabar, gute Reise. Ich darf nicht bezahlen, ich fühle mich dieser Liebenswürdigkeit hilflos ausgeliefert. Herzliche Umarmung.
Später erzählt mir Bagnagwar in dem Dorf Knaravan: „Dies war immer unser Land, jetzt haben wir es uns zurückgeholt, und niemand wird es uns wieder nehmen.“ Und David wird mir am Ende meiner Reise sagen: „Du bist durch dieses Land gewandert. 80 Jahre lang haben die Muslime hier gewohnt, hast du ihre Moscheen gesehen, hast du gesehen, wo sie gebetet hätten? Nein! Aber unsere Kirchen, die Ruinen unserer Kirchen, die hast du überall gesehen. Oder?“
Einheit mit der Natur. Armenischer KreuzsteinDas ist wahr, immer wieder stoße ich auf solche Zeugen barbarischer Zerstörungswut. Und dennoch: Ist Davids Vergleich gerecht? Wurden in sozialistischen Sowjetzeiten Gotteshäuser gebaut? Und wenn es anders gewesen wäre – wären die Moscheen sicher gewesen vor der Maschinerie eines erbittert geführten Krieges um Autonomie und Wahrheit?
Ja, es geht hier immer auch um die Wahrheit. Und jede Seite hat die Wahrheit für sich gepachtet. Das ist in jedem Krieg so, befürchte ich. Arzach, das war eine alte armenische Provinz. Aber dann, es ist lange her, kam irgendwann ein Stalin daher, schnitt mit blutiger Schere die Provinzen Arzach und Nachitschewan aus der armenischen Landkarte und klebte sie Aserbeidschan ans Hemd. In Nachitschwan hat es einen kompletten Bevölkerungsaustausch gegeben, die letzten Spuren armenischen Lebens wurden erst vor wenigen Jahren ausgelöscht, als ein riesiges Feld kostbarster Kreuzsteine sinn- und restlos zerstört wurde: Schlusspunkt eines offenbar in Baku strategisch geplanten Ethnozids. Arzach aber, Karabach, hat sich gerettet und seine Selbstständigkeit erkämpft. Seit 1994 herrscht Waffenstillstand. Die Friedensbemühungen der internationalen Gemeinschaft kommen nicht wirklich voran. Ich bewege mich, etwa 50 Kilometer auf Schusters Rappen, auf dünnem Eis. Die Ruhe ist brüchig.
Wer langsam wandert, hat viel Zeit zum Nachdenken. So wenig wie Krieg gerecht oder ungerecht ist, so wenig ist Geschichte gerecht oder ungerecht. Wer in Armenien unterwegs ist, kommt gar nicht darum herum, sich gelegentlich umzudrehen und die Zeichen der Vergangenheit zu lesen: Der Zimmervermieter in Vardenis hatte mir die Geschichte seiner Familie geschildert, die überstürzte Flucht vor den Gräueln des türkischen Völkermords von 1915 an den Armeniern. Ein Kaffeeausschank in Aparan erinnert mit seinem Namen Musch an die alte Heimat. Eine zerfledderte Familienbibel erzählt vom Mord an den Großeltern. Geschichte, das geht mir hier durch den Kopf, während ich durch eine äußerst fragile Gegenwart wandere, Geschichte ist nie zu Ende. Wenn die Türkei sich der Geschichte des Völkermords an den Armeniern gestellt hätte, vielleicht hätte sie schon längst den Weg in eine aufgeklärte Bürgergesellschaft finden können, vielleicht hätte sie das Zusammenleben mit den Kurden befrieden können, vielleicht hätte sie Versöhnung mit den Armeniern suchen können. Seit fast hundert Jahren hoffen türkische Regierungen darauf, dass Geschichte vergisst. Aber das Gedächtnis der Geschichte ist unbestechlich. Nehmen wir Stalin. Er ist seit langem Vergangenheit, und doch fordert seine Politik Opfer bis heute. Von den Aseris und von den Armeniern. Geschichte vergisst nicht.
Ja, es geht hier immer auch um die Wahrheit. Und jede Seite hat die Wahrheit für sich gepachtet. Das ist in jedem Krieg so, befürchte ich. Arzach, das war eine alte armenische Provinz. Aber dann, es ist lange her, kam irgendwann ein Stalin daher, schnitt mit blutiger Schere die Provinzen Arzach und Nachitschewan aus der armenischen Landkarte und klebte sie Aserbeidschan ans Hemd.
Ernst Bloch fällt mir ein. Geflügeltes Wort oder historische Erkenntnis? „Wer seine Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ Was aber ist mit denen, die ihre Geschichte zwar kennen, sie jedoch leugnen? Bloch hätte vielleicht so formuliert: Wer seine Geschichte kennt und sie leugnet, hält sich bewusst die Option offen, sie zu wiederholen. Es ist noch ein langer Weg – aber wäre das nicht ein schöner neuer Ansatz für die Integrationsdebatte zu Hause in Deutschland: Können wir, Türken und Deutsche, irgendwann einmal gemeinsam über die Untaten unserer Vorväter trauern?
Bussarde kreisen, Eidechsen flitzen aus der heißen Sonne in ihre Felsenritzen, wenn sie meine Schritte spüren. Der kühle Bergbach spendet herrliche Erfrischungen, ein paradiesisches Land. Diese Natur ist phantastisch, eine gewaltige Bergwelt, grün gemildert, berauscht vom Wasser und von den Phantasien der Einsamkeit.
Ich bin ganz allein auf der Welt. Kilometer um Kilometer. Langsam nagt der Hunger. Unterwegs kein lebendes Dorf, keine Kneipe. Das Land wie leergefegt. Wo mögen sie sein, die Menschen, die hier gelebt und gearbeitet haben? In den armseligen Tentakeln der Großstädte, in Baku oder in Jerewan? Oder fanden sie Unterschlupf bei Verwandten, irgendwo auf dem Lande, wo sie jetzt auf ihre karge Rente warten und das Kräuterbeet betreuen dürfen?
WeggefährtenDann endlich doch ein Dorf, Knaravan. Schlichte Steinhäuser, aus Frankreich gesponsert, zehn mal zehn Meter, Außenfenster und –türen, Rohbau, sonst nichts. Aber jedes Haus hat einen großen Garten. Die 15 Familien kamen vor Jahren aus Armenien. Hier haben sie auch keine Arbeit, aber der Boden ernährt sie, es ist einfacher zu überleben als in der Stadt. Die Schule hat, ich kann nur staunen, optimale Voraussetzungen: 10 Kinder, 8 Lehrer.
Eine der Familien bietet mir Unterkunft. Die Bürgermeisterin kommt am nächsten Morgen zu Besuch. Sie hat Pläne, man will endlich Arbeitsplätze schaffen. „Es gibt doch genügend Holz hier in der Gegend, vielleicht lässt sich da was machen.“ Der personifizierte Optimismus. „Und“, frage ich sie, „haben Sie keine Angst, dass die Politik Ihnen das Land irgendwann einmal wieder wegnehmen könnte?“ „Nein, wir sind hier in Arzach, niemand wird das je wieder ändern.“ Der Hausherr ergänzt lächelnd: „Bevor wir wieder Aserbeidschan angegliedert würden, wären wir alle tot. Hier werden noch unsere Kinder und Enkelkinder leben. Das ist unser Land.“
Und wenn die pure Not eure Kinder oder eure Enkelkinder vertreibt?
Meine Gastgeber, die Bürgermeisterin, sie beschämen mich mit ihrer Herzlichkeit. Es gibt noch einmal ein Gläschen von diesem herrlichen selbst gemachten Obstwein, funkelnde Rubine im feinen Kristall, dann werde ich mit einer großen Plastiktüte voller Bratkartoffeln entlassen. Bari djanabar, gute Reise. Ich darf nicht bezahlen, ich fühle mich dieser Liebenswürdigkeit hilflos ausgeliefert. Herzliche Umarmung.
Zwei Korridore gibt es von Armenien nach Karabach, einen offiziellen und einen eher inoffiziellen - eine feine Vorfahrt durch den Latchin-Streifen, einen eher schmuddeligen Hintereingang durch Karvatchar. Da bin ich unterwegs. Beide Korridore sind unerlässlich wichtige Lebensadern für die winzige Republik.
Zugewuchert von Jahrzehnten entdecke ich am Ortsausgang die Trümmer einer winzigen Kirche. Kerzenreste auf einem zerborstenen Kreuzstein zeugen davon, dass die Menschen auch hier dabei sind, ihre alten Traditionen wieder zu entdecken, die Hoffnung nicht aufgegeben haben. Es sind von hier nur noch wenige Kilometer, ein halber Tag vielleicht, bis nach Dadivank, einem kleinen Kloster fast auf der Grenze zwischen Karvatschar und Karabach.
Zwei Korridore gibt es von Armenien nach Karabach, einen offiziellen und einen eher inoffiziellen - eine feine Vorfahrt durch den Latchin-Streifen, einen eher schmuddeligen Hintereingang durch Karvatchar. Da bin ich unterwegs. Beide Korridore sind unerlässlich wichtige Lebensadern für die winzige Republik. Der politische Status beider Regionen ist ungeklärt, sie gelten auch 17 Jahre nach Ende der Kriegshandlungen um die Autonomie Karabachs noch immer als militärisch besetztes Gebiet. Aserbeidschan erhebt Ansprüche, Karabach betrachtet beide Regionen längst als integrale Bestandteile seines Staates. Armeniens Haltung ist umstritten, manche Politiker sind offenbar durchaus bereit, über andere besetzte Regionen im Umfeld Karabachs zu verhandeln: Karvatchar und Latchin aber sind tabu. Sie schützen die Westflanke des Landes. Sie aufzugeben, würde das Ende der Republik bedeuten. Und würde wohl auch die Sicherheit Armeniens selbst gefährden.
Gerade einmal 200.000 Menschen leben in Nagorny-Karabach. Kann ein Zwergstaat dieser Größenordnung überleben? Er ist politisch nicht anerkannt, nicht einmal Armenien hat diplomatische Beziehungen aufgenommen. Warum nicht? Ein hoher politischer Beamter in Jerewan sagte mir: „Wenn wir Arzach anerkennen, wird das international sofort als Annexion missverstanden. Wir dürfen den internationalen Löschmannschaften, die den Glutnestern des Konflikts zu Leibe rücken, nicht vorgreifen.“ Aber wie können diese Lösungsansätze aussehen? Das weiß offenbar noch niemand. Eines allerdings ist mir klar geworden auf meiner Wanderung durch den Korridor: Hier steht das Selbstbestimmungsrecht eines Volkes gegen die Willkür des furchtbaren Diktators Stalin.
Dreimal werde ich unterwegs polizeilich überprüft. Keine Beanstandungen. Später stelle ich fest, dass ich verbotene Wege gegangen bin. Karvatchar war für mich offiziell tabu: „Movement only along the international roads of NKR is permitted“. Ich hätte den offiziellen, den Latschin-Korridor nehmen sollen. Gut, dass ich das nicht vorher gewusst habe.
Am Ziel. Das Kloster DadivankIch passiere jene Brücke, über die schon seit vielen Jahren mit Spott und Bewunderung gesprochen wird: Du glaubst es nicht, aber da kann sogar ein voll beladener Lkw drüber. Ich traue mich kaum zu Fuß. Aber die Brücke hält. Der kleine Bach an meiner Seite rauscht mittlerweile als veritables Wildwasser in die Tiefe. Die Schluchten, die er hier über Jahrtausende in den Fels geschnitten hat, sind beunruhigend, manche Stellen passiere ich lieber im Laufschritt. Man weiß ja nie, was da runterfallen kann...
Nach Stunden öffnet sich der Berg, vor mir das erste Hinweisschild: Dadivank. Ich bin fast am Ziel. Noch einmal ein mühsamer Aufstieg. Da liegt es. Das Kloster Dadivank. Ein spiritueller Ort zwischen Himmel und Erde. Es dämmert. Die Wandmalereien im Inneren der Kirche sind noch stärker verblasst als bei meinem ersten Besuch vor wenigen Jahren, kaum mehr lesbar. So als würden sie sich nach und nach mit ihren Geheimnissen zurückziehen vor neugierigen Blicken. Sie haben Not und Elend gesehen, Zerstörung und Wiederaufbau, Hoffnungslosigkeit und Zuversicht. Momentan stehen die Zeichen auf Zukunft. Das empfindsam austarierte Gleichgewicht im Dreieck zwischen Aserbeidschan, Armenien und Karabach hält vorerst an. Und die Zeit arbeitet für den Frieden. Hoffentlich.
Von hier aus weitet sich der Korridor, ich habe wieder sicheren Boden unter den Füßen. Nagorny-Karabach – oder doch eher Arzach?
Jochen Mangelsen ist Publizist und lebt in Bremen. Kürzlich ist sein Pilgerbuch "Planet Armenein" - Pilgern in unbekanntem Land. Eine Text-Collage mit Zeichnungen von Marietta Armena, 157 Seiten, € 12.80, ISBN 978-3-86320-012-1 beim Hay Media Verlag, Frankfurt am Main erschienen.







Der Rückzug ohne Lied.




