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Meine armenische Großmutter

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In jüngster Zeit sind Frauen in der Türkei mit ihrer privaten Familiengeschichte in die politische Öffentlichkeit gegangen und haben von ihren armenischen Großmüttern erzählt, die erst an ihrem Sterbebett den Mut aufbringen konnten, das Geheimnis preiszugaben, dass sie Armenierinnen sind und als Übelebende des Völkermordes ihre armenische Identität verbergen oder aufgeben mussten.

Für Hrant Dink war die Suche nach diesen verschollenen armenischen Frauen wie auch Orten ein wichtiges Anliegen. Nicht zuletzt die Entdeckung der armenischen Verwandten von “Sabiha Gökcen”, der Adaptivtochter von “Atatürk”, hatte die türkischen Aggressionstriebe auf den tragischen Versöhner gerichtet. In Anbetracht dieser Tatsache ist die private Familiengeschichte eine höchst brisante politische Aussage und bezieht mutig Stellung. Es ist eine Welle des Aufbruchs zur Entdeckung der ethisch-religiösen Wurzeln in der Türkei zu verzeichnen, seien es die Armenier aus Dersim oder die Hemschin-Armenier. Diese Entwicklung ist bei Weitem nicht abgeschlossen und deren Folgen sind erst recht nicht abzuschätzen. Gülcin Wilhem ist eine Publizistin aus Berlin, die von ihrer aus Bursa stammenden armenischen Großmutter erst spät erfahren und sich auf die Suche nach den Verwandten begeben hat. Ihr neu erschienenes Buch über die Gastarbeiter-Kinder, der heute 35- bis 50-Jährigen, ist auch ein Ausdruck der beklemmenden Kontinuität von Familiengeschichte(n). (Red.)

„Paradiesische“ Kindheit

Ich erfuhr sehr spät, dass meine Großmutter mütterlicherseits eine Armenierin war. Erst nach ihrem Tod. Wie viele Tausende andere in der Türkei. Sie war schon „anders“.  Zum einen hatte sie mit den islamischen Gepflogenheiten einen anderen Umgang als ihre Altersgenossen. Zum anderen hatte sie einen eigenartigen Akzent, wenn sie Türkisch sprach. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen.

Ich bin Jahrgang 1957. Das heißt, ich bin in einer Zeit in Istanbul groß geworden, in der man die Existenz von armenischen, griechischen und jüdischen Schulfreunden, Nachbarn und Bekannten als Selbstverständlichkeit erlebte. Eine Selbstverständlichkeit, die Geschichtsbüchern, die einem aufoktroyiert wurden, der ASALA-Hysterie  und der Geschichtsunwissenheit zu trotzen schien: als Kind oder Jugendliche erahnte man irgendwie, dass die Stadt diesen Minderheiten und den Türken gleichermaßen gehörte. Man spürte, dass diverse Ethnien immer da gewesen sein mussten. Angesichts des galoppierenden Nationalismus der letzten Jahrzehnte in der Türkei halte ich rückblickend die damalige Atmosphäre für „paradiesisch“, die einem kindlichen Horizont dies offenbar ermöglichte.  

Umso mehr verärgert war ich über meine Familie, als meine Mutter mich erst sehr spät über die Vergangenheit meiner Großmutter aufklärte. Der Unmut verstärkte sich mit der Zeit bei der Überlegung, dass ausgerechnet bei unserer Familie solch ein Geheimnis behütet wurde, in der seit etwa hundert Jahren Ehepartner verschiedener Nationalitäten willkommen waren und nach wie vor sind. Es fiel mir äußerst schwer, diese eine Tabuisierung mit der immer da gewesenen Aufgeschlossenheit zu vereinbaren. Mittlerweile habe ich hinsichtlich der Angst und Vorsicht meiner Familie eine differenziertere Sicht. 

Nichtsdestotrotz bedauere ich beispielsweise sehr, dass die älteren Verwandten nicht mehr leben, die ich hätte über die Geschichte meiner Großmutter ausfragen können. Mit großer Wahrscheinlichkeit wäre es möglich gewesen, aus den bruchstückhaften Informationen, die sie mir geliefert hätten, eine mehr oder weniger vollständige Version der Ereignisse zu rekonstruieren. Seitdem ich mich ernsthaft um diese Vollständigkeit bemühe, stelle ich nämlich fest, wie wenig ich über ihre Biografie weiß.

Großmutter aus Bursa

Meine Großmutter lebte mit ihrer Familie bis zum Jahr 1915 in Bursa. Ihr Vater war im Seidengeschäft. Sie erzählte ihren Kindern von einem Haus in der Nähe einer Brücke – dies korrespondiert mit den Fotos, die ich von dem armenischen Viertel in Bursa zwischenzeitlich kenne. Zuerst kam ein Mob, um ihr ganzes Vermögen zu rauben. Während der Deportation nach Aleppo kamen ihre Familienangehörigen um. Ein oder zwei Brüder von ihr konnten ausreisen. Mein Großvater, der sie später mit nach Istanbul nehmen sollte, diente seinerzeit als Offizier im Osmanischen Reich in Aleppo. Als sich die beiden begegneten, war meine Großmutter 13 Jahre alt und hatte bereits eine zweite Odyssee hinter sich. Aus spärlichen Informationen können wir nunmehr schließen, dass sie kurzzeitig bei einer reichen arabischen Familie untergekommen war, die sie wie ihre eigenen Kinder behandelte. Bei einer anderen Pflegefamilie wäre sie beinahe von dem Familienvater vergewaltigt worden, hätte dessen Frau sie nicht rechtzeitig gerettet. Ich möchte mir nicht ausmalen, was dieses kleine Mädchen nach dem Eindringen der Räuber und Mörder in ihr Haus in Bursa bis sie – unter welchen Umständen auch immer – von meinem Großvater in Aleppo gefunden wurde, für Schreckliches erlebt hat.

Die Suche nach Badiyans

Das Buch mit dem Titel „Meine Großmutter“ von Fethiye Cetin ermutigte mich, wie viele Tausende in der Türkei auch, darin, Angehörige meiner Großmutter zu finden, sofern sie noch existierten. Meine Tante, die anfangs sich weigerte, mir den Familiennamen ihrer Mutter zu nennen, überredete ich mit der Zeit mit dem Hinweis, dass mittlerweile mithilfe moderner Telekommunikation möglich sei, lang vermisste Leute ausfindig zu machen. Die Aussicht, dass wir eventuell einige lebende Verwandte treffen könnten und das Buch von Cetin lösten schließlich in ihr Hoffnung aus. Und so teilte sie mir den Namen „Badiyan“ mit.

Falsche Spuren

Euphorisch wie ich war – ich war schließlich mit ihrem richtigen Namen auf der Spurensuche meiner Großmutter auf einen Schatz gestoßen – verfasste ich  einen Standardbrief auf Englisch. Darin erzählte ich alles, was ich über ihre Geschichte wusste. Alle Badiyans – alle, die ich im Internet fand - erhielten von mir diesen Brief. Nachdem ich von manchen Adressaten die Antwort bekam, dass sie ursprünglich aus der Ukraine und im Grunde jüdisch seien, legte ich das Vorhaben zunächst auf Eis. Ich ging davon aus, dass der Familienname meiner Großmutter zwar möglicherweise ähnlich klingt, jedoch ein anderer ist. Eine Anzeige, die ich in „Agos“ (Armenische Wochenzeitung in Istanbul, Anm. Red.) aufgab, brachte auch keine neuen Erkenntnisse. Durch diese Aktion fand ich aber heraus, dass jemand es sich zur Aufgabe gemacht hat, solche Suchanzeigen, die in „Agos“ erscheinen, zu vergrößern und überall zu verteilen. Eine Freundin sah nämlich mein Inserat an den Häuserwänden und in Cafes in Beyoglu (Stadtteil von Istanbul, Anm. Red.). Vor dem Hintergrund, dass die Zeitung eine geringe Reichweite hat, halte ich es für eine sehr rührende Tat.

Verbrechen als „Rettung“

Vor einigen Jahren las ich im Internet einen journalistischen Text, der die armenischen Mädchen zum Thema hatte, die nach dem 1915 adoptiert, verheiratet, geheiratet oder als Dienstmädchen aufgenommen worden waren. Diese waren Kinder, die völlig alleine da standen, nach dem ihre Familien deportiert oder massakriert worden waren. In der offiziell-türkischen Lesart wird dieses Verbrechen, dass man ihnen damals – ob sie 8 oder 10 oder 12 Jahre alt waren - von einem Tag zum anderen ihrer Identität beraubte, indem man ihnen einen türkischen Namen und eine andere Religion aufstülpte und jeglichen Kontakt mit ihren Verwandten verbat, nach wie vor als „Rettung“ dargestellt. Ob mein Großvater diesbezüglich ebenfalls rabiat handelte oder nicht, ist dahingestellt: Sollte ich die Nachkommen ihrer Verwandten finden, werde ich ihr in den Himmel zurufen und sagen: „Du hast jetzt deine Identität wieder.“

Wie der Zufall es will: Ein US-amerikanischer Regisseur mit Wurzeln in der Türkei hätte vor einigen Jahren beinahe „Die vierzig Tage von Musa Dagh“ von Franz Werfel verfilmt, ereilte ihn nicht der Tod vor der Realisierung, und beinahe hätte meine Schwester eine Rolle in dem Streifen erhalten. 


Zur Person: Die in Istanbul geborene Publizistin Gülcin Wilhelm lebt seit 1977 in Berlin. Sie war 18 Jahre bei der Wochenzeitung “Der Freitag” in verschiedenen Funktionen tätig . Ihr neu erschienenes Buch behandelt das Schicksal der Gastarbeiter-Kinder. Am Beispiel von 8 Portraits zeigt Gülcin Wilhelm die Lebensgeschichten der »Gastarbeiter«-Kinder. Von den Eltern verlassen, lebten sie jahrelang bei Verwandten in der Türkei. Manche wurden später nach Deutschland geholt. Was sie alle verbindet ist ein ambivalentes Verhältnis zu den eigenen Eltern und dann auch zu ihren Kindern. Die heute 35- bis 50-Jährigen sind Teil deutscher Gesellschaft, viele von ihnen gelten als erfolgreich und gebildet. Doch spätestens wenn sie selbst Eltern werden, brechen die Wunden der Kindheit wieder auf.

Gülcin Wilhelm: Generation Koffer. Die zurückgelassenen Kinder. Orlanda-Verlag 2011
http://www.orlanda.de/sachbuch/sachbuch_einzelbuch.php?ID=17

 

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