Welcher Religionsunterricht?Fragen an Erzbischof Karekin Bekdjian, Primas der Diözese der Armenischen Kirche in Deutschland
HAYsociety: Zur Einschulung in die ersten Klassen und auch in weiterführende Schulen stehen auch armenische Eltern vor der Frage, ob das eigene Kind in den Religionsunterricht gehen soll oder nicht. In der Grundschule hat man die Wahl zwischen evangelischem und katholischem Religionsunterricht oder aber man besucht in dieser Zeit keinen Religionsunterricht. In weiterführenden Schulen hat man auch die Möglichkeit, in den Ethik-Unterricht zu gehen. In der Regel gehen muslimische Kinder in den Ethik-Unterricht, da hier kein konfessioneller Unterricht erteilt wird, aber auch griechisch-orthodoxe Kinder. In Berlin und anderen Großstädten gehen „atheistisch“ erzogene Kinder in den Ethik-Unterricht. Als Armenier in Deutschland fragt man sich, in welche Religionsklasse man sein Kind schicken kann – oder auch ob man besser den Ethik-Unterricht vorziehen sollte.
Welche Empfehlung können Sie für die armenischen Eltern aussprechen?
Erzbischof Bekdjian: Religion ist eines der Großthemen des 21. Jahrhunderts, auch wenn manche behaupten, dass religiöse Themen an Bedeutung verlieren würden. Die Religion ist und bleibt wichtig, denn sie spielt nach wie vor eine bedeutende Rolle im menschlichen Leben und in der heutigen multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft. Sie ist wichtig für die eigene Verwurzelung, Sinnfindung und Orientierung sowie für die Toleranz anderen gegenüber. Insbesondere für uns Armenier ist unsere Religion ein untrennbarer Bestandteil unserer Identität, denn nicht zuletzt verdanken wir unsere Existenz nach all der Tragödien und Katastrophen, die wir durch unsere Geschichte hindurch erleiden mussten, unserem unerschütterlichen Glauben.
Um auf die eigentliche Frage zurück zu kommen: Wenn eine entsprechende Anfrage von Eltern kommen, empfehlen wir, ihre Kinder auf jeden Fall in den Religionsunterricht zu schicken. Da die römisch-katholische Kirche von ihrer Theologie und Struktur her, trotz konfessioneller unterschiede, der armenischen Kirche näher ist als die evangelische Kirche, empfehlen wir die Teilnahme am römisch-katholischen Religionsunterricht. Ich möchte hier aber die Gelegenheit nutzen und noch einmal betonen, dass wir uns den Besonderheiten und theologischen Unterschieden zwischen den Kirchen bewusst sein müssen. Ein armenisches Kind darf trotz seiner Teilnahme am römisch-katholischen oder evangelischen Religionsunterricht nicht zur Kommunion oder Konfirmation geschickt werden. Ein in der armenischen Kirche getauftes Kind hat nämlich bereits bei seiner Taufe die Kommunion sowie die Firmung erhalten. Die religiöse Erziehung fängt eigentlich zuhause an. Es ist zuerst die Aufgabe der Eltern, ihre Kinder in die eigene Kirche und Gemeinde zu begleiten und sie auf die eigene religiöse Identität aufmerksam zu machen. Dann fängt parallel die Aufgabe der Kirche, diese Kinder aufzunehmen und ihnen die eigene Religion und Konfession beizubringen.
HAYsociety: Nach Angaben von SPIEGEL-Online[1] gibt es seit 2000 syrisch-orthodoxen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen. Inzwischen besuchen etwa 2500 Schüler die Stunden, die von 24 Lehrern an 96 Schulen angeboten werden. Wie ist der armenisch-apostolische Religionsunterricht in Deutschland organisiert? Wie und wo könnte man sich einen ähnlichen Religionsunterricht wie den syrisch-orthodoxen in Deutschland vorstellen?
Erzbischof Bekdjian: Da die Religion eine wichtige Rolle in unserem Leben spielt, ist der Religionsunterricht auch von großer Bedeutung. Wir sehen im Religionsunterricht einen wichtigen Bereich unserer Bildungsverantwortung. Hier steht die armenische Kirche jedoch vor großen Herausforderungen, die uns an unsere Grenzen bringen. Unsere Möglichkeiten in Deutschland, Religionsunterricht zu erteilen sind auf die 14 Kirchengemeinden beschränkt, da wir armenisch-apostolischen Religionsunterricht in den Schulen nicht anbieten können. Einer der Hauptgründe dafür ist, dass wir in Deutschland weit zerstreut leben. Es gibt keine Schulen, die von einer möglichst großen Anzahl von armenischen Schülern besucht werden. Ein weiterer Grund ist das Fehlen von geschultem Lehrpersonal, die diese Tätigkeit an Schulen professionell ausüben könnten. Schließlich sollten in den Schulen Lehrer diese Aufgabe übernehmen, die dafür pädagogisch und theologisch ausgebildet sind und die armenische Kirche mit Ihrer Geschichte und Traditionen gut kennen.
Ich muss bedauernd feststellen, dass wir aus oben erwähnten Gründen noch nicht in der Lage sind, armenischen Religionsunterricht in den Schulen anzubieten. Wir versuchen diese Lücke in den Ortsgemeinden zu schließen, in denen unsere Geistliche armenischen Religionsunterricht erteilen. Dies geschieht meistens am Tag der Heiligen Liturgie in der jeweiligen Gemeinde als Sonntagsschule vor oder nach dem Gottesdienst. In manchen der Gemeinden findet der Unterricht an einem anderen Tag. Parallel dazu oder gleichzeitig wird auch die armenische Sprache unterrichtet. Die Kirche beteiligt sich außerdem an dem einmal im Jahr vom Zentralrat der Armenier in Deutschland veranstalteten Schülerferienfreizeit. Die Geistlichen, die wir als Begleiter hinsenden, übernehmen dort den Religionsunterricht.
HAYsociety: Wie viele Religionslehrer könnten eingesetzt werden und welches Unterrichtsmaterial steht den Geistlichen zur Verfügung, um die Religionsschüler zu unterweisen? Sind Lehrerhandreichungen für die deutschen Schulen vorhanden, die Religions- oder Ethik-Lehrer über den armenisch-apostolischen Glauben informieren könnten?
Erzbischof Bekdjian: Wie ich bereits erwähnt habe, haben wir keine ausgebildete Religionslehrer in Deutschland und auch kein speziell für den Religionsunterricht vorbereitetes Schulmaterial. Verschiedene Informationsbroschüren unserer Diözese zu verschiedenen religiösen Themen und Festen stellen wir gerne Interessenten zur Verfügung, die sich an die Diözese wenden. Diese können per Mail an: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. oder unter der Anschrift der Diözese der Armenischen Kirche, Allensteiner Str. 5, 50735 Köln angefordert werden. Für diesbezügliche Anfragen stehen auch unsere Geistlichen gerne zur Verfügung: Serovpé Wartabet Isakhanyan Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. , Pfarrer Diradur Sardaryan Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. , Tiran Apegha Petrosyan Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. , Pfarrer Gnel Gabrielyan Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. und Pfarrer Aygik Hovhannisyan Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. .
HAYsociety: Vielen Dank für dieses Gespräch!
[1] http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,697131,00.html






Glaubensbrüder und Leidensgenossen


Einsame Straße im Snagesur.
Der Rückzug ohne Lied.




