StartAktuelle AusgabeEssay & AnalyseVom mystischen Armenien und den gewöhnlichen Armeniern

Vom mystischen Armenien und den gewöhnlichen Armeniern

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"Buddy Bear" für Armenien in der Berliner ShowMeine Stimme, unbedeutend, vernachlässigbar, unhörbar fast, hatte ihn an anderem Ort bereits geflüstert, in einem anderen Text, den Gedanken, dem zufolge es zwei Arten gibt, radikal verschieden die eine von der anderen, das Land der Armenier ins Auge zu fassen: die mystische Perspektive und die reale, den Gesichtswinkel gemäß der Geschichte und den Blick, der sich auf den Menschen allein konzentriert.

Kurzum, die einen treibt das Konzept «Armenien» um, während die anderen Armenien ausschließlich als von realen Armeniern bewohnt in Betracht ziehen wollen.

Dennoch darf man nicht glauben, dass es sich hierbei immer um zwei klar getrennte Kategorien von Menschen handelt. In jedem Armenier wohnen die beiden Anschauungsweisen nebeneinander, so dass die eine unter gewissen Umständen oder in Anbetracht der Ereignisse die andere in den Hintergrund zu drängen vermag.

In den schicksalhaften Augenblicken des Landes, wenn der Feind die Grenzen bedroht oder sich in grausamer Weise an den Einzelnen vergreift, ist es das Wir eher noch als das Ich, das die Köpfe in Brand steckt.

 In den ruhigen Augenblicken hingegen, wenn diese Bedrohungen von der Kraft jener in Schach gehalten werden, die man mit dem Saft des mystischen Armenien aufgebläht hat, von den Militärs nämlich, lassen die anderen Einwohner des Landes, eingelullt durch das Wiegenlied von einem wiedergefundenen Frieden, in ihrem Geist individuelle Ansprüche aufkeimen.

Die Konflikte, mit denen die demokratisch gesinnten Machthaber ringen, liegen hier: gespalten sind sie zwischen der unnachgiebigen Verteidigung der nationalen Werte und den bürgerlichen Forderungen der von ihnen  Verwalteten.

Vereinfachend könnte man sagen, dass im schwelenden Karabach-Krieg zwangsläufig das mystische Armenien die Szene beherrscht. Wenn aber der Bürgermeister von Jerewan sich an den Budenbesitzern austobt, um die Hauptstadt zu entrümpeln und wie ein Gewitter die Wut derer aufzieht, denen man willkürlich die einzige Lebensgrundlage entzieht, so ist es das Individuum, das seine Rechte geltend macht.

Natürlich kann das mystische Armenien die Individuen, aus denen es besteht, nicht in den Wind schlagen, aber verständlich ist auch, dass es in einer Umgebung unablässig drohender Gefahren die Oberhand behält.

Nun schwebt Armenien aufgrund der Konflikte, die an seinen Grenzen schwelen, tatsächlich in ständiger Gefahr. Dieser Vorrang des mystischen Armenien auf Kosten der Rechte der Bürger hat aber dazu geführt, dass manch einer von ihnen entmutigt wurde und versucht hat, Bürger eines anderen Landes zu werden. Indem es also eine massive Auswanderung der Armenier verursacht, schwächt sich das mystische Armenien selbst. Und was wäre auch ein Armenien wert, das von lauter Armeniern bevölkert wird, denen der Sinn ihres Armeniertums gänzlich abhanden gekommen ist?

(Man muss an dieser Stelle klarstellen, dass sich über die schroffen Forderungen des mystischen Armenien ein korruptes Armenien gestülpt hat, das seine Einwohner in perverser Weise zum Exil zwingt, um so eine Diaspora zu schaffen, die sich im Ausland abrackert, aber mit dem Ertrag ihrer Arbeit weiterhin das Land unterstützt… oder auch nicht.)

Nun, genau das geschieht heute.

Der gegenwärtige Präsident ist ein Warlord, den die Umstände dazu verleiten, die Wirtschaft auf die Verteidigung eines mystischen Armenien auszurichten. Und spielt es in diesem Fall eine Rolle, dass seine Landsleute im Alltag von Arbeitsmangel, sanitären Missständen, willkürlicher Rechtsprechung, unmenschlichen Lebensbedingungen geplagt werden? Für ihn, den weder Arbeitsmangel, noch sanitäre Missstände, usw. plagen, sind diese Opfer der Tribut, den man der gegenwärtigen geschichtliche Stunde entrichten muss.

Es bleibt dabei: indem sie die zwanzig Jahre der Unabhängigkeit mit Lobeshymnen feierten, werden die Mystifizierer Armeniens in ihrem festlichen Jubel nichts anderes gemacht haben, als auf die schutzbedürftigsten Armenier zu spucken, die jegliche Hoffnung verloren haben. Für die war dieser Tag stinknormal, vielleicht sogar der bitterste, den sie auf dem Grunde ihres Schweigens erdulden mussten.


Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Denis Donikian. Zuerst erschienen in: Denis Donikian, De l’Arménie mystique et des Arméniens ordinaires, http://denisdonikian.wordpress.com/2011/09/23/de-l%e2%80%99armenie-mystique-et-des-armeniens-ordinaires

Übersetzung von Christa Nitsch. © Alle Rechte vorbehalten.

Foto © Denis Donikian. Das Bild zeigt einen "Buddy Bear" des armenischen Künstlers Alexandr Gueivandov, aus gestellt in Berlin (Buddy Bears Show Berlin 2011). 

 

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