Die armenischen Mütter der Provinz haben das ernste Lächeln von Frauen, die auf ihren Schultern die Verfehlungen ihres Volkes tragen. Sie haben nicht die europäische Unbeschwertheit ihrer Schwestern aus der Hauptstadt. Keine Zeit zu verschwenden für den eigenen Körper. Er verschleißt unter dem Schabeisen der täglichen Schindereien. Als Zierrat des Ich vergessen sie ihn und beugen ihn unter die herben Anforderungen einer agrarischen Wirklichkeit, die zu mildern keiner der männlichen Leiter des Landes ins Auge fasst.
Doch ächzen Armenierinnen, einerlei ob Bäuerinnen oder Städterinnen, unter demselben Joch einer archaisch gebliebenen Gesellschaft. Die Gesinnungen umschlingt ein tentakelartig ausgreifendes Regelwerk, in das die Frauen, dies der Anschein, zustimmend einstimmen. Es ist auch vorgekommen, dass sie die von ihren Männern verabreichten Schläge als gerecht empfunden haben. „Wenn Gewalt herrscht, ist alles klar“, sagt Maurice Blanchot in einem Michel Foucault gewidmeten Text, „doch wenn man mit ihr überdies einverstanden ist, dürfte es bloß die Wirkung einer verinnerlichten Gewalt sein, die sich hinter solcher Beipflichtung ohne Abstriche versteckt.“ Und in der Tat steht diese im innersten Bezirk verankerte Gewalt metonymisch für das Böse, das sich in allen Falten und Spalten der Gesellschaft verbirgt. War sie einst auch überragend oder wurde sie als solche angesehen, so hat diese Zivilisation gegenwärtig Mühe, sich ihrer rauen, wenn nicht gar barbarischen Gepflogenheiten im menschlichen Miteinander zu entledigen. Der Kult des Blutes, die Kultur des Unter-sich-seins und die Fetischisierung der Vergangenheit – heute überdies von feudalen Praktiken des Dünkels und der Vetternwirtschaft beherrscht – enden in einem hanebüchenen Mangel an Altruismus, Mitleid und Solidaritätspolitik. Denn in unseren Tagen setzt sich alles, was Geld einbringt, durch, um die Rechte des Bürgers mit Füßen zu treten. Gestern die Zerstörung der Innenstadt von Jerewan, heute jene der Verkaufsstände, und all dies ohne Abstimmung oder Entschädigung, sind Beispiele einer tyrannischen Demokratie. Eine Demokratie von Clan gegen Clan, Klüngel gegen Klüngel, Interesse gegen Interesse…
Pan-armenische Spiele als tribalistische Großkundgebung
(Letztlich wird weder die Musik die armenische Seele gezähmt haben können, noch wird sie die Religion in ihren Tiefen von der Abgötterei abgekehrt haben und auch die Literatur vermag sie nicht vom Nationalismus zu befreien. Die gar so außergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten, welche die Armenier zum Beispiel beim Schachspiel an den Tag legen, helfen ihnen keineswegs, eine empathische Intelligenz in die Praxis umzusetzen, durch die sie die Bedingungen im eigenen Land verbessern könnten. Vorrecht vor dem Menschen selbst haben in der Tat die geltungsbedürftige Geste und das schaustellerische Blendwerk. Irrsinnige Summen werden verschwendet, um, gegen alle Vernunft und auf Kosten der ärmsten Schlucker, dem Namen Armenien eine glänzende Aftergröße zu verleihen. Großspurig feiert man das Filmfestival Golden Apricot, doch ist man nicht imstande, einen Film selbst zu produzieren. Man veranstaltet, unter dem Deckmantel der Brüderlichkeit, panarmenische Spiele, die doch nichts weiter als tribalistische Großkundgebungen einer weltlichen Religion sind. Die Langlebigkeit dieses von Geschichte und Geographie stiefmütterlich behandelten und durch den jahrtausendealten Selbsthass zerfressenen Volkes weist in der Politik seiner letzten zwanzig Jahre, die zugleich die zwanzig ersten der jungen Republik sind, erste Anzeichen der Vergreisung auf. Welchen Gebrauch hat diese Republik von ihrer Freiheit zu machen gewusst, als den einen, sie gegen die eigenen Bürger auszuspielen, die sich nun gezwungen sehen, ihr Land zu verlassen? So kommt es denn, dass Armenier das volle Maß ihrer Fähigkeiten erst entfalten, wenn sie sich unter den Schutz einer fremden Regierung stellen. Dann können sie sich in die Brust werfen: ja, mit ihren Talenten bereichern sie die Nationen der Erde…nun ja, indem sie sich von der eigenen fernhalten.)
Der Fremde, gewöhnt an die mehr oder minder gesitteten Umgangsformen seines Landes, trifft hier überall nur auf Gewalt: zugefügte oder erlittene, einerlei. Denn jeder Armenier ist abwechselnd Opfer und Henker. In Armenien zu leben bedeutet sicherlich, in ein ständiges Wechselbad unendlicher, vielgestaltiger, unverhohlener, heimtückischer, tyrannischer und subtiler Aggressionen getaucht sein, welche die Seele, Freiwild und Raubtier zugleich, nach und nach abnutzen. Statt die freie Entfaltung der armenischen Persönlichkeit zu gewährleisten, strickt man, Masche um Masche, die Zwangsjacke, die sie einschnürt. Es ist – von der politischen Makrogewalt, spürbar bei den Wahlen oder in einer geknebelten Berichterstattung, bis hin zur Mikrogewalt, die in der Bevölkerung auf allen Stufen des sozialen Lebens erlitten wird – immer das Recht, das man mit Füßen tritt, der Körper, den man zermürbt, die Seele, die man zerfasert, der Wunsch, den man zudeckelt, die Arbeit, die man entzieht, das Wort, das man erstickt und das in sinnlosem Aufbegehren zerplatzt, der Andere, den man als Mittel oder Widersacher des eigenen Überlebens oder der eigenen Bequemlichkeit misshandelt.
Armenische Frauen: Engel ohne Flügel
Die Frau ist das Paradebeispiel dieser trostlosen Verheerung. So kommt es, dass sich die Herrschaft des Ehemanns in dem Maße ausdehnt, in dem sich die Gattin auf die häuslichen Pflichten einschränkt. Denn je genauer sie die Traditionen reproduziert, desto sicherer triumphiert das tyrannische Gleichgewicht in der Familienzelle. Dieser Käfig ist der eng bemessene Schauplatz ihrer Ausbrüche und verhindert gleichzeitig ihren Aus-Flug. Denn in Armenien sind die Frauen Engel, denen man die Flügel so zurechtgestutzt hat, dass sie, im Unwissen um die Zähmung ihrer Widerspenstigkeit, selbst zum Andauern dieses Verstümmelungsprozesses beitragen, wenn sie die Verachtung zeugenden, doch von der Nation geheiligten Werte weitergeben. Die Männer, denen sie auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, sind ihr Werk. Die Frauen haben sie geformt. Und doch sichern diese Neurosen den Fortbestand der Nation. Man wird gewiss einwenden, der Mann habe auch seinen Anteil an diesem Fortbestand. Dass auch er sich abplage, auch er unter den Ernüchterungen der Geschichte leide. Doch hat der Gebieter seine Zerstreuungen; der Frau aber obliegt es, für diese aufzukommen. Sie nimmt das Joch der Ehe freiwillig auf sich im Glauben, ihrem Geschlecht, ihrer Familie und ihrem Volk dadurch Ehre zu erweisen. Besser der Verzicht auf die eigene Person, als der Fluch eines langsamen Zerfalls – Schicksal dies aller unverheirateten Frauen. Bei solcher Selbstveräußerung, mit der sich alle Beteiligten einverstanden zeigen, werden sich die Aufgaben von Mann und Frau im günstigsten Fall, fein aufeinander abgestimmt, verquicken und ergänzen. Aber im Grunde genommen erfreut sich der Mann immer der herrschaftlichen Rolle und alles trägt dazu bei, dass er sie behalte.
Undurchlässigkeit der Rollen
Marad und Larissa gehen auf dem Bauernhof ihren säuberlich getrennten Aufgaben nach. (Hier bleiben sie mit ihren beiden Söhnen während des Sommers, um die Heuernte vorzubereiten. Die übrige Zeit wird das weitläufige Gebäude von Marads Vater bewohnt, während sich die Familie in Kapan aufhält.) Diese Aufteilung ergab sich wie selbstverständlich aus der Routine der beiden, aber auch aus der Vorstellung, dass ein Geschlecht Grenze und Eingrenzung des andern ist. In Marads Bereich fällt, zum Beispiel, die Reparatur des Traktors, in Larissas Bereich die Küche. Eine Art Undurchlässigkeit der Rollen lässt ihre Überschreitung sowohl für den Mann als auch für die Frau als undenkbar erscheinen. Diese Abschottung garantiert den geordneten Lauf der häuslichen Dinge. Umso mehr, als beide in ihrer Jugend darauf vorbereitet wurden, die spezifischen Funktionen ihres Geschlechts zu erfüllen. Nur wüsste man gern, welche Schultern die schwersten Lasten zu tragen haben. Was aber das Politisieren betrifft, und seien es auch nur Stammtischparolen, so ist’s Marad, der sich dazu bemüßigt fühlt. Unversiegbar ist dieser Marad, während Larissa immer stumm bleibt. Die öffentliche Sphäre, dies ist klar, fällt dem Mann zu. So, als wäre die Frau von Haus aus für diese Dinge ungeeignet. Man möchte fast die Behauptung aufstellen, dieses Modell wiederspiegle getreulich das Land, in dem es die Pflicht der Frauen ist, sowohl ihren Körper als auch ihren Geist zum Schweigen zu bringen, während die Männer einem blasierten und sterilen Gallimathias frönen. Nun beginnen aber weibliche Gegenspieler – wie Hranusch Kharadjan, Zaruhi Postandschjan oder Larissa Alaverdjan – in dieses allzu grobe Gefüge Breschen zu schlagen. Regelmäßig sieht man Mütter von Gefangenen oder durch Zufall zu Tode gekommener Soldaten vor Regierungsgebäuden demonstrieren: sie ziehen die Verantwortlichen zur Rechenschaft und fordern Ermittlungsverfahren. Sie scheuen sich nicht mehr, politische Entscheidungen öffentlich zu hinterfragen oder den entwürdigenden und eigenmächtigen Verordnungen der Polizei die Stirn zu bieten. Wenn sie an den Demonstrationen teilnehmen – und sie sind in den Reihen der Opposition anzutreffen – so tun sie es, um das Verhängnis einzelner in die Verbundenheit aller zu verwandeln.
Larissa schuftet ohne die geringste Verschnaufpause. Sie melkt die Kühe, macht Käse, kocht, bereitet den Tee, spült das Geschirr, ist im Garten, dann im Stall, fegt, säubert, antwortet, wenn man sie fragt, aber hat keine Zeit, an der Konversation teilzunehmen. Wie leicht könnte man dabei die unzähligen Sorgen vergessen, die sie im Geheimen quälen…zum Beispiel der bevorstehende Aufbruch ihres Ältesten zur Armee. „Die Frauen in diesem Land“, flüstert sie vertraulich einem von uns zu, „ja, sie wissen nur allzu gut, was sie durchmachen.“
(Übersetzung aus dem Französischen. Denis Donikian, Mère à tout faire, http://denisdonikian.wordpress.com/2011/08/15/mere-a-tout-faire/)
© Übersetzung von Christa Nitsch. Alle Rechte vorbehalten.
Von Denis Donikian im Hay Media Verlag erschienen: Auch ich war in Armenien. Wanderung durch das Hochland von Syunik. Übersetzung von Christa Nitsch. 2011. 92 Seiten, mit 14 Abbildungen. Paperback. € 9,80 (D) ISBN 978-3-86320-010-7. www.hay-media.de
Zur Person: Denis Donikian






Einsame Straße im Snagesur.
Der Rückzug ohne Lied.




