StartAktuelle AusgabeEssay & AnalyseDas armenische Erbe und Zeichen der Freundschaft

Das armenische Erbe und Zeichen der Freundschaft

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Ani, die alte historische Hauptstadt des armenischen Reiches, ist eine der schönsten und beeindruckendsten Orte der armenischen historischen Wirklichkeit. Die Stadtmauer, einigermaßen im restaurierten Zustand, bildet mit der kargen Landschaft ein Konglomerat, man wird das Gefühl nicht los, vor einer Hollywood-Kulisse zu sein - mit der Erwartung, Mexikanern, Cowboys und Indianern zu begegnen. Der Fluss, der Grenzabschnitt mit Armenien, schlängelt sich zwischen den Schluchten ins Panorama, an den Berghängen geschmückt mit Klöstern und Kirchen.

Ein Spaziergang durch die Straßen von Ani, über den Ruinen. Die alten Kellerräume, halb verfallen, geben die alten Kanalisationsröhre frei und die alten Brunnenschächte vermitteln uns eine kleine städtebauliche Dimension der armenischen Baukunst aus dem frühen Mittelaltern und regen unsere Fantasie an.

Die Kreuze an den Wänden weggemeißelt, auf dem Dach ein großes Loch, das den Himmel über den Besuchern freigibt. Vor der Kathedrale verkündigt ein großes Eingangsplakat den Besuchern, vor der „Fethiye Moschee“ zu stehen.

Als ein Zeichen der Aussöhnung mit dem benachbarten Armenien hat die Türke beschlossen, die Kathedrale von Ani und die Erlöserkirche zu restaurieren.

Trotz der Tatsache, dass der Name „Ani“ in der offizielle Sprache de facto nicht vorkommen darf und der i-Punkt wegretuschiert wird, damit der Ort eine türkische Identität erhält, bin ich dankbar, dass der Ort militärisches Sperrgebiet war, sonst wäre eines der schönsten Orte des Weltkulturerbes  nicht mehr in der Gegenwart erhalten.

Ich bin neugierig, wie die beiden Gebäude restauriert werden sollen. Die Kathedrale von Ani, wird als „Fethiye Camii“, Eroberer-Moschee, angepriesen. Die Kreuze an den Wänden weggemeißelt, auf dem Dach ein großes Loch, das den Himmel über den Besuchern freigibt. Vor der Kathedrale verkündigt ein großes Eingangsplakat den Besuchern, vor der „Fethiye Moschee“ zu stehen. Im Inneren des Gebäudes sieht man kein einziges Zeichen einer Umwandlung. Die Bilder der Kathedrale, die im letzten Herbst über die Medien gingen, sollten diesen Ort als einen Ort für die Muslime ausweisen, als einen Gegen-Ort zur Insel Achtamar in Van, wo ein christlicher Gottesdienst zelebriert wurde. Eine Gegeneroberung: dort kamen die Armenier mit ihrem Gottesdienst seit der Vertreibung zusammen und wir Türken hier kommen zu einer zweiten Eroberung, zu einer Moschee-Umwandlung zusammen. Oder ist die Ankündigung einer Renovierung nur der Deckmantel, die Kathedrale endlich zu einer Moschee umzuwandeln und die fehlenden Minarette einzusetzen? Oder eine Gegendemonstration anlässlich der derzeit restaurierten und höchstwahrscheinlich im kommenden Oktober einzuweihenden Surp-Giragos-Kirche in Diyarbakir? Sie ist zurzeit auch die einzige Kirche ihrer Größe im Vorderen Orient, die nicht ihrem Schicksal überlassen wird. 

Die Größe und die Präsenz des Freundschaftsdenkmals in Kars erinnert mich eher an die Demonstration des türkischen Staates an seinen Grenzgebirgen und auf Zypern, die Kampfansage an den Feind

Die Erlöserkirche in Ani besteht heute nur aus einer Wand. Sollte man sich nicht eher überlegen, sie vor weiteren Verfall zu schützen, statt daraus ein Disneyland zu planen? Die Ankündigung der Restaurierung ist ein Kampf der Kulturen in Zeiten der Wahlen. Es ist genauso bedenklich, wie das sogenannte Denkmal der Freundschaft zwischen Armenien und Türkei in Kars. Es sind diese beiden Figuren auf einem Hügel, die man auch von Armenien aus sehen kann, die in letzter Zeit für eine kontroverse Diskussion gesorgt haben, da der türkische Ministerpräsident Erdogan, wegen dessen angeblicher Hässlichkeit den Abriss befohlen hat. Für dieses Unterfangen ist ihm der Dank der Republik Nachitschewan gesichert worden.  

Die Größe und die Präsenz des Freundschaftsdenkmals in Kars erinnert mich eher an die Demonstration des türkischen Staates an seinen Grenzgebirgen und auf Zypern, die Kampfansage an den Feind mit dem Bildnis von Atatürk und mit türkischen Flaggen die Berge zierend: „Ne mutlu Türküm diyene!“

Bei den Renovierungsarbeiten sollten die Prioritäten nach humanen Maßstäben gesetzt werden. Die Toilettenhäuschen vor dem Eingang zu Ani sollten dringend instand gesetzt werden, um den Touristen einen Mindestmaß an Hygiene angedeihen zu lassen. Ein Kaffeehaus zu bauen, ein „Çayhane“, Teehaus, das zur Kultur von Kars gehört, mit Samowars, um den Besuchern die Möglichkeit zu bieten, einen Moment der Ruhe und Besinnlichkeit zu finden, in diesem Ort der Trauer, um all das Erlebte zu verarbeiten und das Glücksmoment zu haben, in Ani zu sein.

Wenn man in die Menschen und die Umwelt investiert, ist es ein größeres Zeichen der Freundschaft, als jedes tote Denkmal.

Und dann sollte man nicht die Menschen vergessen, die in Kars und Umgebung in Armut leben. Es gibt in dieser Region Menschen, die noch in unter der Erde gebauten Lehmhäusern leben. Die seit mindestens fünfzig Jahren in der Türkei offiziell verboten sind. Kars sollte endlich die Möglichkeit erhalten, einen sauberen Fluss zu haben, der durch die Stadt zieht. Er ist heute eine offene Kloake. Die alten Badehäuser an beiden Seiten des Flusses sollt man auch nicht vergessenen zu renovieren, damit die Menschen sie wieder benutzen können und das historische armenische Viertel, mit seinen schönen alten Holzhäusern am Fuß der Festung. Wenn man in die Menschen und die Umwelt investiert, ist es ein größeres Zeichen der Freundschaft, als jedes tote Denkmal.


Foto: © Talin Bahcivanoglu

 

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