Zwei Neuveröffentlichungen sind beim Hay Media Verlag erschienen: Schahan Schahnurs Diaspora-Roman „Der Rückzug ohne Lied“ in der deutschen Erstübersetzung von Samvel Ovasapian. Dieser armenische Roman in französischer Realität der 20er Jahre erzählt die fesselnde Liebesgeschichte eines aus Konstantinopel stammenden Armeniers, der nach dem Genozid von 1915 in Paris Zuflucht fand. Der Roman schockierte viele Leser der damaligen Zeit wegen seiner offen erotischen Sprache und der als Beleidigung empfundenen, die armenischen Parteien und Geistlichen kritisierenden Passagen. Schahnurs Roman ist gleichzeitig der Versuch, das Verhältnis der Armenier zum Leiden zu ergründen.
Das politisch-feuilletonistische Pilgerreisebuch von Dr. Jochen Mangelsen „Planet Armenien“ wirft einen heiteren Blick auf ein schwieriges Land und gewährt einen ganz neuen Einblick in das Land am Ararat: ein prächtiges Gemälde – mal düster, mal farbenfroh - eines “unbekannten Planeten”, wunderschön illustriert von der Künstlerin Marietta Armena (Buchpremiere in Bremen, 6. September 2010)
Die PR-wirksame Einrichtung „Armenischen Kulturtage“ hat sich für die Präsentation der armenischen Kultur in Deutschland herausgebildet. Neben der als Vorläufer zu bezeichnenden Armenischen Kulturtage in Köln finden auch in Stuttgart auch die Kulturtage statt – unter dem Motto: 20jährige Unabhängigkeit der Republik Armenien. Wie diese Veranstaltung von offizieller aserbaidschanischer Seite torpediert wurde, kann man an Protestschreiben der Organisatoren (weiterer Beitrag hier) sehen. Anzumerken ist, dass seit April 2010 ein deutscher Honorarkonsul Aserbaidschans in Stuttgart ansässig ist.
Anfang August fand bereits das Komitas-Musikfestival in Berlin statt, das u.a. mit dem Anlass der Unabhängigkeit Armeniens verbunden wurde. Es werden sich möglicherweise andere Städte mit dem Konzept der „Armenischen Kulturtage“ anfreunden und daraus eine jährlich stattfindende Kulturbotschaft organisieren. Zu wünschen ist, dass das in diesen Veranstaltungen zum Ausdruck kommende Kulturverständnis nicht auf eine bestimmte konventionelle, postkartenartige Kultur eingezwängt wird, sondern der Vielfalt eine Bühne bietet, die sicherlich nicht nur Folklore sein will.
Hrant Dink hatte sinngemäß über Armenier und Türken gesagt, dass sie aufgrund der nicht aufgearbeiteten Geschichte seelisch «krank» seien. Diese sicherlich in der Sache zutreffende Feststellung wurde und wird von einer zynischen Gruppe von Türken, aber auch von Armeniern genüsslich ausgeschlachtet, um die schmerzhafte Erinnerung an den Völkermord zu delegitimieren. Es wird den Armeniern vorgehalten – und symptomatischerweise nicht den Türken -, dass sie Ihre Identität über die Erinnerung an den nahezu die gesamte Existenz des Volkes auslöschenden Völkermord sichern. In modernistisch-patriotischer Manier wird aber auch in der Republik Armenien selbst der Hinweis gegeben, dass man einen nicht immerzu auf den Völkermord ansprechen und festnageln sollte, dass Armenien auch eine glorreiche Vergangenheit habe, die ja gern auch in Schulbüchern in Armenien im Sinne eines «Think positiv!» zur Schau gestellt wird. Nun beherbergt Identität sowohl subjektive als auch objektive Elemente, die sich auch widersprechen können. Keinem Menschen kann eine Identität verordnet werden. Auf der anderen Seite steht einem die Welt auch nicht vollkommen frei zur Verfügung, dass die Identität gewissermaßen synthetisch hergestellt werden könnte. Als Armenier in Deutschland wird man in Kantinen sehr fürsorglich, mit deutschem Pflichtbewusstsein und päpstlicher als der Papst darauf hingewiesen, dass das Fleisch, das man einem auf den Teller legen werde, Schweinefleisch sei, in der Annahme, dass man als Schwarzhaariger dem Islam angehören würde. So kann man auch auf seine Herkunft aufmerksam werden. Wenn man auch mit alldem nichts zu tun hat oder haben will, wird man mit „objektiven“ Tatsachen konfrontiert, auf die man zumindest implizit eine Antwort gegeben haben muss, weil man nicht „nicht handeln“ kann.
Nun ist aber Identität eingebettet in die Kultur, und die Realität der gegenwärtigen Welt ist nun mal so, dass diese vor allem eine Nationalkultur ist, d.h. abhängig von einer politisch-ökonomischen Herrschaftsformation. Im Fall der Armenier ist aber auch die Realität, dass für einen Großteil gilt, dass sie „heimatlos“ sind. Das Phänomen „Heimatlosigkeit“ ist in der sogenannten globalisierten Welt ubiquitär, überall anzutreffen. Das mag für manch einen, z.B. aus ideologischen Gründen (Kosmopolitismus, Internationalismus, Multikulturalismus, (Neo-)Osmanismus etc.) , einen wünschenswerten Zustand beschreiben, für die Betroffenen kann man davon ausgehen, dass es ein „krank“ machender Zustand ist.
Aus politisch-soziologischer Sicht erscheint die Nicht-Existenz eines West-Armenischen Staates als das größte Manko zur Bildung einer „gesunden“ armenischen Identität, die auch unverkrampfter über Alternativen und Diversitäten sich äußern könnte. Das „Gespenst“ eines West-Armeniens ist unverhofft durch türkische Presse- und Politikreaktionen auf Äußerungen vom armenischen Präsidenten Serj Sarkissian aufgetaucht und die Virulenz dieser Beziehung wieder ins Bewusstsein gerufen. Als man sich mit der deutschen Teilung schon abgefunden hatte, meldete sich der „Zeitgeist“. Ob „Ararat“ in die Region der „letzten Dinge“ erhöht werden sollte, wie das „Neue Jerusalem“ oder in das politische Vorfeld der „vorletzten Dinge“ zurück genommen werden muss, bleibt mit der Frage nach dem „Maß der Gesundheit“ verbunden.
Die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahren in den USA hatte u.a. „Back to the roots“ propagiert, d.h. „Afrika“ wurde für die Identitätsfindung/-bildung wieder entdeckt. In diesen Bedeutungsrahmen gehört auch der Wunsch von ArmenierInnen, ihre armenischen Familiennamen wieder zu erlangen (Wir haben darüber berichtet, HAYsociety 4/2010). In der Türkei ist seit einigen Jahren die armenische „Back to the roots“-Bewegung in kleinen vernehmbaren Schritten zu beobachten, wie das Buch von Fethiye Cetin über ihre armenische Großmutter. Eine Überbietung dieser mutigen Bekenntnisse ist allerdings das „Outen“ und die „Konversion“ zum unterdrückten Selbst, der eigenen armenischen Identität. So hat es Mihran Prgic vorgemacht und Recep Rober Kayan in Berlin ist ihm gefolgt (hier sein Beitrag). Talin Bahcivanoglu kommentiert eine Berliner Veranstaltung der Dersim-Armenier und macht sich Gedanken zum wissenschaftlich-politischen Begriff „indigene Bevölkerung“ und bemängelt einen „Checkpoint Ararat“ während der Mongolenstürme.
Von der sehr persönlichen Reise (Die Steine werden aufschreien) der Publizistin Muriel Mirak-Weissbach in die Heimat ihrer Eltern erhält man einen eher deprimierenden Eindruck angesichts der opportunistisch-feigen Haltung des Westens und der realitätsleugnenden Kultur und Politik in der Türkei. Eine Hoffnung aber bleibt, dass die (Kreuz-)Steine aufschreien und die Wahrheit kundtun werden.
Neulich lud der Frauenverein Silva Kaputikian in Köln Armenuhi Demirdschian aus Armenien zu einem spannenden und bewegenden Literaturabend ein. Mit der Literaturwissenschaftlerin Frau Demirdschian sprach der Stellvertretende Vorsitzende der Zentralrats der Armenier in Deutschland Dr. Hamaz Ghazarian.
Die Hanauer Kirchengemeinde hatte zu „Vartavar“ einen Picknick mit armenischen Soldaten organisiert, die einem weiteren armenischen Afghanistan-Kontingent angehören und zu Schulungszwecken einen Zwischenhalt in Deutschland eingelegt haben. Für die Versammelten verkörpern die armenischen Soldaten die Sehnsucht nach einem starken Armenien, das jetzt unter deutschem Kommando seinen internationalen Verpflichtungen nachkommt (http://youtu.be/MxrhsvO-Ujw).






Einsame Straße im Snagesur.
Der Rückzug ohne Lied.




